Ferne Länder ganz in der Nähe

 

Eine Motorradreise in den Osten Europas ans Schwarze Meer.

Durch Ungarn, Rumänien, Moldawien,
Ukraine, Slowakei und Tschechien

Es gibt ihn noch, den Eisernen Vorhang. Politisch ist er 1989
verschwunden. Aber in unseren Köpfen ist er noch da.
Gerade die Generationen, die nach dem Krieg mit ihm
aufgewachsen sind, haben sich so an ihn gewöhnt. Hinter dem
Vorhang ist Feindesland: terra incognita. Wir kennen Italien und
Spanien, waren in den USA, in Thailand und Südafrika. Aber nach
Rumänien fahren? Oder in die Ukraine? Und wo bitte liegt Moldau?
Dabei sind es in diese Staaten von Deutschland aus nur ein oder
zwei Tagesreisen mit dem Auto. Mit dem Auto? In unserem Fall
mit dem Motorrad.


Los gehts:


Hans-Jürgen wartet schon
auf uns in Eger. Er ist mit
seiner betagten BMW R80R
vorausgefahren in das schöne
Städtchen in Nordungarn, das
auch den deutschen Namen Erlau
trägt. Jens und ich haben aus
dem Fränkischen gute 1000km
mit unseren 1100er BMWs hinter
uns gebracht. Das waren fast nur
langweilige Autobahnkilometer,
unterbrochen von Tankstopps,
vom Mittagessen an einer
Raststätte vor Wien und einem
mehr zähen als flüssigen
Vorwärtskommen in Budapest.
Wir sind froh, uns am späten
Nachmittag nicht mehr um die
Unterkunft kümmern zu müssen.
Hans-Jürgen hat uns am Ortsrand
eine günstige Pension ausgesucht.

Rast an der Landstraße

Gleich daneben bietet sich ein
Restaurant zum Abendessen an.
Ich suche nach etwas
Landestypischem auf der
Speisekarte. Die Spezialitäten
sind hier alle mit Hirn zubereitet
und Hirn ist, zumindest auf dem
Teller, nicht mein Fall. Gut, dann
gibt es eben Schnitzel mit
Pommes und Salat. Wieder
einmal. Und dazu ein Bier! Dass
eines unserer Biere warm war,
haben wir dem Kellner verziehen.
Als wir dann ein weiteres Bier
wollen, teilt er uns mit, seine
Kollegin, die ihn ablösen solle,
komme nicht und er schließe nun
das Restaurant und tatsächlich
schickt er alle Gäste nach Hause.

Doch er hat nur wenig
Verständnis dafür, dass wir diesen
Service nicht mit einem üppigen
Trinkgeld entlohnen wollen und
wirft Hans-Jürgens kümmerliche
Trinkgeldmünze verärgert zurück.

Beim Spaziergang nach dem
Essen sehen wir, wie Burg und
Basilika im Abendlicht versinken.
Wir suchen in den Altstadtgassen
nach einem Lokal, wo wir einen
der berühmten Rotweine dieser
Gegend probieren können. Sicher
ist nicht jeder Wein, der hier
produziert wird, so schlecht wie
die Plörre, die in Deutschland
unter dem Namen „Erlauer
Stierblut“ in den Supermärkten
steht. Um 10 Uhr abends ist es
schwierig, noch ein offenes Lokal
zu finden, das Wein ausschenkt.
Doch wir haben Glück. Der junge
Kellner serviert gekonnt und
elegant den Rotwein: Eiskalt,
völlig oxidiert, sauer und
ungenießbar! Der schlechte Ruf
des Erlauer Stierbluts ist für

dieses Mal gerettet. Niemals zuvor
hat mir jemand mit solcher
Eleganz einen so schlechten Wein
serviert. Aber ich bin nach wie vor
sicher, dass es in Eger irgendwo
auch einen guten Wein gibt. Nur
wo? Unser Aufenthalt hier ist zu
kurz, um das herauszufinden.
Oder sollte es doch etwas
bedeuten, dass ich in Eger nur
Biertrinker gesehen habe?

Am nächsten Tag geht es
weiter in Richtung
Nordosten auf den letzen
Autobahnkilometern Ungarns.
Unser Pensionswirt warnt uns zum
Abschied in seinem breiten
ungarischen Deutsch vor den
bösen Buben in Rumänien.
Frühstück an der Tankstelle: der
Kaffee ist sehr lecker, die
Gebäckteile sehen nur so aus. Wir
freuen uns, wieder unterwegs zu
sein und das Wetter spielt auch
mit.

Dann geht es runter von der
Autobahn. Das Land ist weiterhin
flach und langweilig und die
Straßen sind gut. Die Orientierung
gestaltet sich trotz
ausgezeichneter Beschilderung
schwierig. Die Ortschaften haben
lange Namen, die sich bis auf
wenige Buchstaben gleichen. Wie
ein Erstklässler buchstabiere ich
die fremden Ortsnamen vor mich
hin, um sicher zu sein, dass wir
den richtigen Weg einschlagen.
Nyiregyhaza, Nyirbogdani,
Nyirpazony, Nyiribroni, … wir
finden trotzdem den richtigen
Weg.

Die Grenzformalitäten sind schnell
erledigt.

Wir sind in Rumänien.
Nach den Grenzanlagen die
obligatorische Tankstelle und
Dutzende von Buden, bei denen
man Geld wechseln und
Versicherungen abschließen oder
auch nur einen Staubfänger für
die Schrankwand zu Hause
erstehen kann. Einem
geschnitzten Bären kann ich nur
deshalb widerstehen, weil ich
absolut keinen Platz für ihn auf
dem Motorrad habe. Schade,
denn der Bär hätte mir gut
gefallen und gerne nehme ich ein
bäriges Andenken von meinen
Touren mit, denn der Bär ist so
etwas wie mein Wappentier. Nun,
der Weg ist noch weit und da
noch viele Kilometer vor uns
liegen, werde ich dem einen oder
anderen Bären, sei es aus Holz
oder Plüsch oder lebendig aus
Fell, noch begegnen. Schließlich
sind wir in Rumänien und da
sollen noch viele Braunbären
leben.

Als ich die ersten Kilometer durch
Rumänien fahre, erkenne ich
rückblickend, was für ein
sauberes und adrettes Land
Ungarn doch ist. Schon diese
ersten Kilometer in Rumänien
zeigen uns die Eigenheiten des
Landes. Die schlechte
Ausschilderung wird durch den
miserablen Zustand der Straßen
übertroffen. Die schlechte
Beschilderung ist jedoch kein
Problem. Da sich immer genügend
Menschen zu Fuß und per Fahrrad
auf der Straße befinden, und fast
alle sehr kontaktfreudig und
hilfsbereit sind, lässt sich der
richtige Weg leicht erfragen. Hin
und wieder spricht jemand
englisch oder sogar deutsch.
Wenn nicht, irritiert das den
hilfsbereiten Rumänen in seinem

Redefluss auch nicht. So schickt
uns nach der ersten größeren
Kreuzung in Satu Mare ein
freundlicher Radfahrer mit einer
detaillierten Wegbeschreibung
über eine grobe Schotterpiste
dem Maramuresch-Gebirge
entgegen. Es ist der richtige Weg.


BMW´s vor der Kathedrale in Negesti-Oas

Die Straße verläuft entlang eines
breiten Tales nach Baia Mare. Ich
fühle mich, als wäre ich in
Norditalien. Bevor wir die
Industriestadt erreichen, biegen
wir nach Norden ab und kommen
so in das Kleinstädtchen Negesti-
Oas. Wir halten vor einer
prächtigen Kirche, damit ich ein
paar Fotos machen kann. Ein
Mann mittleren Alters und mit
entsetzlich schlechten Zähnen
spricht uns freundlich auf Deutsch
an. Wir sind erstaunt, doch in den
nächsten Tagen, die wir in
Rumänien sind, sollten wir uns
daran gewöhnen: es spricht uns
immer jemand an, sobald wir
auch nur kurz anhalten, und das
oft auf Deutsch.

In den Städten
und Dörfern nahe der Ebene und
den Industriestädten wird viel
gebaut. Häuser, Kirchen und
Geschäfte entstehen.

Oder sie werden abgerissen. So genau
können wir das oft nicht
unterscheiden.

Die Übergänge zwischen Neubau, Bauruine und
echter Ruine erscheinen fließend
hier im Norden Rumäniens. Bei
Neubauten ist es wichtig, das
Haus groß, sehr groß zu
dimensionieren.

Eine
Bauvorschrift gibt es wohl nicht.
Wenn es aber eine gibt, so
schreibt sie wohl vor, dass jede
Symmetrie und jeder rechte
Winkel strengstens verboten sind.
So haben alle Fenster und Türen
Halb-und Viertelkreisbögen. Die
Häuser überraschen mit
zahlreichen Vor-und
Rücksprüngen und überbieten sich
gegenseitig mit gewagten
Dachkonstruktionen. Nur fertig
und bewohnt haben wir keines
dieser Häuser gesehen. Zuhause
erfahre ich von einem
Rumäniendeutschen, dass es die
Häuser neureicher Zigeuner seien,
die hier entstehen.

Weiter hoch ins Gebirge nimmt
die Bauwut ab. Die Straßen
werden schmaler und kurviger.
Die Schlaglöcher nehmen an Zahl
und Größe zu. Die Häuser sind
älter, einfacher und schöner. Die
Dörfer reihen sich Haus an Haus
der Hauptstraße entlang. Alt und
Jung, Männer wie Frauen laufen
gemächlich die Straße entlang, als
seien sie die Statisten in einem
Film. Fast jeder hat eine Harke,
einen Rechen oder eine Axt in der
Hand. Man sitzt auf den Bänken

vor dem Gartenzaun oder hält
einen Plausch am Straßenrand.

Die Kinder winken uns drei
Motorradfahrern zu und für eine
kurze Weile sind wir sicher auch
das Gesprächsthema der
Erwachsenen. Auf den Äckern
arbeiten die Familien mit Hand
und Hacke oder haben für
schwere Arbeiten Pferde
vorgespannt. Oft sitzen sie zur
Rast gemeinsam unter einem
schattigen Baum beim Essen. Das
sieht alles sehr idyllisch aus, ist
aber doch harte Arbeit. Wir
überholen die vielen Pferdewagen
oder die alten klapprigen Dacias.
Neue VW Passats oder Audis
überholen uns und bügeln mit 120
Sachen und mehr über die
Schlaglochpiste. Ist die linke Spur
besser als die rechte, fährt jeder
links, bis Gegenverkehr kommt.


 Wir genießen die Fahrt durch die
herrliche Mittelgebirgswelt der
Ostkarpaten. Wunderschöne
Holztore mit geschnitzten
Verzierungen schmücken die
Eingänge zu den Bauernhöfen.
Die Friedhöfe sehen verwildert,
aber romantisch aus. Nach jeder
Kurve auf den eng geschlungenen
Landstraßen ein neuer, schöner
Ausblick.

Doch gar zu gedankenverloren darf man nicht
auf dem Motorrad sitzen. Rollsplitt
und Schlaglöcher erfordern hohe
Konzentration beim Fahren.
Daneben laufen viele kleine
Hundchen meist paarweise am
Rand der Landstraße herum. Sie
haben uns zwar nie etwas
gemacht, aber man weiß ja nie.
Auch die Hinterlassenschaften von
Pferden, Kühen und Eseln auf
dem Asphalt warten darauf, den
unaufmerksamen Motorradfahrer
in den Straßengraben zu
schicken.

Auf den Weg hinunter in das Tal
fängt es an zu regnen. Wir sind
im Wassertal, Valea Vaserului.
Der Nachmittagsregen sollte in
den nächsten Tagen unser treuer
Begleiter sein. Jedes Mal fängt er
ganz zaghaft an und ich sage mir,
der Regen hört bald wieder auf.
Tut er natürlich nicht. Also
anhalten, Regenzeug auspacken
und anziehen. Wie ich das hasse!
Da ich so lange mit dem Anziehen
gewartet habe, ist die
Motorradbekleidung unter dem
Regenzeug schon gut durchnässt.


 Kurz vor Viseu de Sus,
Oberwischau auf Deutsch, soll
eine nette Pension sein.

Sie heißt
Weintal, Valea Vinului, und
befindet sich im gleichnamigen
Seitental des Wassertals. Da
möchte ich unsere Tagesetappe
beenden. Links soll es weg gehen
in das Weintal, aber Wegweiser
gibt es natürlich keine. Wir halten
in der Hauptstraße des kleinen
Orts Viseu de Jos an, um uns zu
orientieren und sind sofort von
einigen jungen Männern umringt.
Einer spricht deutsch und ein
anderer, wohl der Boss der
Clique, quatscht mich auf Englisch
an. Keiner kennt die Pension.
Aber im nächsten Ort, Viseu de
Sus, da gäbe es ein Hotel. Doch
wir sollen vorsichtig sein. Die
Leute dort seien Schlitzohren und
Betrüger.

Als wir in die Provinzhauptstadt
Oberwischau einfahren, kommt
die Sonne heraus und der Regen
macht eine Pause. In dieser
Gegend leben die Zipser Sachsen,
eine wenig bekannte
deutschsprachige Minderheit, die
ursprünglich im 14. Jahrhundert
aus Oberösterreich umgesiedelt
wurde. Der Sonnenschein gibt
diesem Ort etwas Freundliches.
Man kann ihm sogar einen
gewissen urbanen Charme nicht
absprechen. Das Hotel hat
hübsche Zimmer und der Preis ist
auch in Ordnung. Als ich aus dem
Hotel komme, stehen schon
wieder ein paar junge Rumänen
um die Motorräder herum.

Einer ruft, als er das Nürnberger
Kennzeichen an Jens’ Maschine
sieht „Ej, Nürnberg! Dutzendteich!
Do hab ich mol gwohnt!“.

Hans-Jürgen und Jens möchten noch
weiter fahren. Warum nicht? Der
Nachmittag ist noch jung und die
Sonne scheint.

Ich frage unseren Nürnberger Rumänen, ob es in
Borsa, dem nächsten größeren
Ort, ein Hotel gäbe. Er glaube
schon, aber wir sollten doch lieber
hier bleiben, denn den Leuten
dort in Borsa sei nicht zu trauen.
Zigeuner und Betrüger seien das
alles. Wir fahren trotzdem hin.


Straßenschäden: im Norden Rumäniens die Regel

Borsa ist eine alte
Bergarbeitersiedlung aus dem 14.
Jahrhundert. Von dieser Tradition
sehen wir absolut gar nichts.
Dafür aber jede Menge
heruntergekommener Platten-
bauten. An einem Straßencafe an
der Hauptstraße machen wir
Pause. Jens und Hans-Jürgen
bestellen Capuccino, der sich als
heißes Wasser mit Kaffeepulver
entpuppt. Sie beneiden mich um
meine Cola, die aber eine
Eigenbrauabfüllung in einer
originalen Colaflasche ist. Der
gastronomische Eindruck Borsas
kann mit dem miesen
architektonischen also durchaus
mithalten.

Als ich vor dem Cafe
durch eine Pfütze fahren will,
versinkt meine BMW bis zu den
Radnaben. Dabei hat das
Pfützchen so flach und harmlos
ausgesehen!

Wir nehmen die nächste
Stadt ins Visier:

Dorna, auf Rumänisch Vartra
Dornei, nennt sich selbst „einen
weltberühmten Kurort“.

Die Straße dorthin führt uns einen
Pass hinauf auf knapp 1500
Meter. Auf der Passhöhe steht ein
halbfertiger Kirchenbau. Vor dem
Bau wartet eine neue Glocke noch
in ihrer hölzernen
Transportverpackung darauf,
einmal im Turm erklingen zu
dürfen. Ich habe Zweifel, ob
dieser Tag jemals kommen wird.

Als wir in Vartra Dornei
ankommen, regnet es in Strömen
und der Abend dämmert schon.
Das drückt auf unsere Stimmung.
Dass der 800 Meter hoch
gelegene Kurort in den
Ostkarpaten eine lange Tradition
hat, lässt sich an einigen
verfallenden Gebäuden aus der
K&K-Zeit vor dem ersten
Weltkrieg noch erahnen.
Zahlreiche Mineralquellen
sprudeln hier gegen alle
möglichen Gebrechen. Im
Kurzentrum an der Promenade
entlang des Flusses Dorna finden
wir dann einige Hotels. Hotel
Nummer eins, Hotel Carol, macht
einen ganz guten Eindruck, aber
die Preise sind gehoben. Daneben
hat sich eine Pension in einen
Plattenbau eingenistet. Sie ist
ausgebucht.

Wenige Meter weiter
das nächste Hotel.
Wieder nichts frei.

Hotel Nummer vier sieht
ganz gut aus und hat auch drei
Einzelzimmer frei. Aber es gibt
kein fließendes Wasser zur Zeit.
Ab 23 Uhr gibt es wieder welches.
Vielleicht. Also gehen wir zurück
zum Hotel Carol, wo man gerade
noch drei Suiten frei hat. Mit
fließendem Wasser!

Das Hotel hat auch ein schönes
Restaurant im Keller. Ich wähle
etwas Landestypisches aus der
Bucowina: Schafskäse und
Mamaliga, das Rumänische
Nationalgericht Maisbrei: ein
Armeleuteessen. Arme Leute
waren die Rumänen und sind es
ja meist heute noch. So haben sie
ihren Spitznamen Maisbreifresser
erhalten. Ich beneide Jens und
Hans-Jürgen um ihr Steak mit
Pommes und Salat. Das ist zwar
nicht sehr einfallsreich, aber es
sieht verdammt lecker aus.

Unweit östlich von Vartra
Dornei stehen die
berühmten Moldauklöster
von Humor, MoldoviNa, Arbore,
Voronet und SuceviNa. Sie stehen
auf rumänischem Landesgebiet
und nicht, wie die Bezeichnung
vielleicht vermuten lässt, in der
Republik Moldau, und wurden im
15. und 16. Jahrhundert
gegründet.

Das Besondere der
Kirchenbauten ist, dass auf den
Außenmauern biblische Szenen
detailreich gemalt wurden, damit
die Leute, die nicht lesen konnten,
die Geschichten des alten und
neuen Testaments studieren
konnten: eine Bibel der einfachen
Leute. Heute sind die meisten
Bilder noch in erstaunlich gutem
Zustand.

Eines der Klöster will ich
unbedingt sehen: Voronet.

Es ist
berühmt für seine hauptsächliche
blaue Farbgebung, das als
Voronetblau in die
Kunstgeschichte einging.


Das Kloster von Voronet

80 Kilometer sind es nach
Voronet. Das kann doch kein
Problem sein. 80 Kilometer? Ja,
aber welche! Schlechte Straßen
wechseln sich mit zahlreichen
Baustellen ab. Um die Ampeln an
den Baustellen scheren sich die
Rumänen nicht. Rote Ampeln
werden einfach ignoriert. Bei dem
geringen Verkehrsaufkommen ist
das auch meist kein Problem.
Doch in einer Kleinstadt, in der
die Hauptstraße halbseitig zum
Verlegen eines Abwasserkanals
aufgerissen wird, kommt es
unweigerlich zum Stau. Wir
versuchen uns zwischen den
Fahrzeugen und der Baugrube mit
unseren Motorrädern
durchzuschlängeln. Als ich links
an einem alten Dacia vorbei will,
reißt der Fahrer die Wagentür auf,
schreit mich an und versperrt mir
den Weg.

Später, als es wieder
weiter geht, macht mir der
Daciafahrer auf der Landstraße
Platz und die Insassen des
Wagens winken mir freundlich zu.
Verstehe da einer die Rumänen!

Der Weg führt uns auf einer viel
befahrene Straße einem Tal
entlang über die lebhafte Stadt
Campulung Moldovenesc, vorbei
an vielen Zigeunerkindern, die
Gläser voller Walderdbeeren zum
Kauf anbieten, schließlich nach
Gura Humorulu.

Das Kloster Voronet ist von der
Stadt Gura Humorulu aus
eigentlich leicht zu finden.
Trotzdem sind wir mehrmals an
der richtigen Abzweigung
vorbeigefahren. Der Klosterbau ist
beeindruckend. Er wurde 1488
von Stefan dem Großen gestiftet,
und obwohl er viel kleiner ist, als
ich ihn mir vorstellte, hat er einen
tiefen Eindruck auf mich gemacht.
Vor allem in den Räumen im
Innern, die wie die Außenwände
voll mit biblischen Darstellungen
sind. Die Bilder sind im 16.
Jahrhundert auf die Wände

gekommen. Auf der äußeren
Westwand ist es vor allem die
Darstellung des Jüngsten
Gerichts, die fasziniert. Blau und
Gold sind die dominierenden
Farben. Während Jens und ich uns
den Kirchenbau ansehen,
kümmert sich Hans-Jürgen um
seine Maschine, die Probleme bei
der Gasannahme macht. Als wir
auf dem Parkplatz zurück sind,
hat Hans-Jürgen die Ursache des
Problems gefunden. Der linke
Gaszug ist fast durchgerissen und
hängt nur noch an zwei Äderchen
des Kabels.

In Gura Humorulu finden wir eine
Werkstadt, die einen neuen
Kabelzug besorgt, ihn an die BMW
anpasst und einbaut: Gute Arbeit
und nette Leute.


Hans-Jürgens Motorrad wird repariert.

Wir sind total aus dem Zeitplan,
als wir mittags Gura Humorulu bei
Sonnenschein verlassen. Zurück
geht es vorbei an den
Erdbeerkindern, durch das
lebhafte Campulung Moldovenesc
hindurch, vorbei an den vielen
Baustellen und zurück nach Vartra
Dornei, wo inzwischen (schon
wieder!) ein Gewitterregen tobt.
Wir müssen uns bei einer
Tankstelle unterstellen.

Als der
Regen nachlässt, verlassen wir
Vartra Dornei und damit auch das wir die sonnige Südflanke der
Maramuresch-Gebirge nach Ostkarpaten hinunter in die
Süden. Uns kommen Radler
entgegen.

Es sind Radfahrer, Männer wie Frauen, alt und jung,
mit glänzenden eng anliegenden
Hemden und Hosen auf
dünnreifigen Rennmaschinen.

Auf dieser von Dreck und
Regenwasser schlüpfrigen
Schlaglochstrecke mit den

Rennrädern zu fahren ist doch
totaler Irrsinn, schießt es mir
durch den Kopf. Es gibt also
Menschen, die eindeutig
verrückter sind als wir auf
unseren Motorrädern! Die Radler
gehören zu einem Bus mit
französischen Kennzeichen, der
hinter den Radlern herfährt. Die
spinnen, die Gallier!


 Der Regen hat wieder ein
Einsehen mit unseren
französischen Zweiradfreunden

und mit uns und lässt die Sonne
wieder strahlen. Durch kurvige
kleine Landstraßen, die hier gar
nicht so schlecht sind, schwingen wir weiter durch die Ebene.

Es ist Samstagnachmittag. In
den kleinen, sauberen
Bergdörfern steigen viele
Leute aus Bussen aus. Die Frauen
adrett gekleidet, die älteren sogar
in Tracht, und auch die Männer
haben mit schwarzer Hose und
weißem Hemd ihre gute Kleidung
an. Alle tragen gefüllte weiße
Plastikbeutel in der Hand.
Kommen die Menschen von ihrer
Einkaufsfahrt vom nahen Bistritz
oder gar aus Klausenburg?

In Topita (Töplitz) halte ich an,
denn irgendetwas stimmt nicht
mit meinem Motorrad. Das
Topcase, der Koffer auf der
Gepäckbrücke hinter der
Sitzbank, wackelt bedenklich. Der
Grund dafür sind zwei Stellen, an
denen der Ständer aus
Aluminiumguss vollständig
durchgerissen ist. Das ist die
Quittung für die vielen
Schlaglochpisten und auch für
meine unsanfte Fahrweise, die
aber nötig ist, um im Zeitplan zu
bleiben. So kann ich jedenfalls
nicht weiter fahren. Kaum stehen
wir eine Minute, kommt ein junger
rumänischer Motorradfahrer
vorbei und bietet uns seine Hilfe
an. Wir befestigen den Koffer mit
Spanngurten auf dem Soziussitz
und es kann weiter gehen. Die
Hilfskonstruktion ist überraschend
stabil und da das Gewicht des
Koffers näher am Schwerpunkt
liegt, ist das Fahrverhalten der
Maschine nun sogar besser. Nur
das Auf-und Absteigen ist jetzt
viel beschwerlicher.


D ie Straßen von Bistritz über
Regen nach Neumarkt
werden deutlich besser, je
näher wir Neumarkt kommen.
Vom Ort selbst sehen wir nicht
sehr viel, denn es ist schon später
Abend und wir wollen heute noch
nach Schäßburg.

Breite Fahrbahnen, feinkörniger Asphalt
ganz ohne Flicken und Löcher und

der rasante Wechsel von
schnellen Rechts-und
Linkskurven machen das
Motorradfahren wieder zur reinen
Freude. Die Ortschaften sehen

gepflegter aus und haben zwei,
manchmal sogar drei Namen:
Rumänisch, Ungarisch und
Deutsch. Wir sind in
Siebenbürgen.

Über Zuckmantel und Marienburg
fahren wir durch hügeliges Land
im gelben Licht der Abendsonne
und erreichen Schäßburg. Eine
Pension hat moderne saubere
Zimmer für uns und zum
Abendessen gibt es zur
Abwechslung einmal Pizza und
dazu ein frisches Ursus Bier. Ob
ich eine Flasche Ursus als Bären-
Souvenir von der Tour mitnehmen
soll? Ich trinke es lieber.

Am nächsten Morgen stellen wir
fest, dass fast die ganze Pension
von einer Gruppe Amerikaner
belegt ist. Bei frischen Omeletts
zum Frühstück unterhalte ich
mich mit der Chefin der Truppe.
Es ist eine christliche Sekte aus
dem Nordwesten der Vereinigten
Staaten. Die Leute fahren mit
einem rumänischen Kleinbus samt
Fahrer durch die Lande um zu
missionieren. Die Obermissionarin
schwärmt vom „good Gospel“,

Die, so denke ich mir, wissen für gute Dollars guten Gospel zu
liefern. Marktwirtschaft in
Rumänien.


 Bevor wir unsere Fahrt nach
Süden fortsetzen, sehen wir
uns natürlich noch die
Altstadt von Schäßburg an, die
am Vorabend bei unserer Ankunft
schon im Dunkeln lag. Sie thront
wie eine mittelalterliche
Burganlage auf einem Bergkegel
und es gibt für Fahrzeuge nur
eine mautpflichtige Zufahrt.
Schäßburg, das als Rothenburg
Rumäniens gilt, ist ein pitoreskes
kleines Städtchen und steht auf
der UNESCO-Liste des
Weltkulturerbes. Im Gegensatz zu
seinem deutschen Pendant ist es
noch weit davon entfernt,
überrestauriert zu sein. Auch
wenn sich der aufblühende
Tourismus bemerkbar macht,
wirkt alles noch authentisch und
sieht (noch) nicht aus wie die
rumänische Filiale von Disney
World.

An allen Ecken bröselt der
Putz und die renovierten Häuser
sind noch in der Minderzahl. Hier
soll in einem Haus, das heute ein
Restaurant beherbergt, im Jahre
1431 Dracula, oder viel mehr
dessen historische Vorlage, Vlad
III Draculea Tepes geboren
worden sein. Historisch belegt ist
das nicht, aber als touristische
Attraktion eignet sich das allemal.
Auf der Spitze des Bergkegels, die
man über eine hundertstufige
überdachte Holztreppe erreichen
kann, steht eine Kirche und
daneben liegt ein alter Friedhof.

Der sieht ganz aus wie alte
Friedhöfe in Deutschland
aussehen: sauber eingefriedete
Grabfelder und dunkle, polierte

Grabsteine. Auf ihnen stehen
vorwiegend deutsche und
ungarische Namen. Neben dem
Friedhof stehen ein Turm und
Mauerreste, die wohl einmal zu
einer Verteidigungsanlage
gehörten. Heute bewohnen zwei
Männer den Turm. Sie haben es
sich vor dem Eingang auf einer
Bank in der Vormittagssonne
gemütlich gemacht. Auf dem
groben Holztisch vor ihnen steht
eine Flasche Wodka. Wir lassen
die Herren in Ruhe frühstücken
und fahren auf guten Straßen
weiter nach Süden.

Nach etwas Fahrt biegen wir links ab in ein
ruhiges grünes Tal, an
dessen Ende uns nach 8
Kilometern das Dörfchen
Bierthälm (Biertan) erwartet.

Bierthälm ist eine der vielen
Kirchenfliehburgen, die in
Siebenbürgen zu finden sind. Die
im 15. Jahrhundert errichtete
Wehranlage ist sogar die schönste
in Siebenbürgen und wurde von
der UNESCO auf die
Weltkulturerbeliste gesetzt. Auf
der Kuppe eines Hügels thronen
Kirche und Rathaus. Dieses
Ortszentrum ist umgeben von drei

Mauerringen, jeder mit einem
Wehrturm versehen. Die
Wohnhäuser ducken sich im

Schatten der Fliehburg. Am
Sonntagmorgen liegt eine
beschauliche Ruhe über dem
kleinen Ort. Ich würde gerne
noch etwas länger bleiben, doch
wir haben heute noch eine große
Etappe vor uns.


 

Von Mediasch sehen wir nur die
Durchfahrtsstraßen. Der
Stadtkern soll sehenswert sein,
sagt mein Reiseführer. Der meint
auch, dass Mediasch „in
Weinhügeln“ versunken sei.
Davon können wir kaum etwas
erkennen. Zwischen Mediasch und
Hermannstadt geraten wir in eine
Straßensperre.

Die erste
Polizeikontrolle?

Nein, die Vogelgrippe wir hier gejagt.

Wir
müssen mit unseren Motorräder
langsam über ein Stück feuchtem

Teppichboden fahren. Zuvor
werden die Reifen mit einer
Flüssigkeit abgespritzt. Aber nur
von rechts. Jens meint, die wissen
hier, dass sich die bösen Viren nur
rechts auf die Reifen setzten.

Als wir von einer Anhöhe vom
Norden auf Hermannstadt
herunterfahren, schlägt uns
sandiger Staub entgegen. Der
Autoverkehr staut sich. Am
Ortseingang ist Markt. Dutzende
von Holzbuden sind auf einem
staubigem Feld aufgeschlagen
und die Hermannstädter und die
Leute von der Umgebung
kommen, um zu schauen und
vielleicht auch um zu kaufen.

In der Innenstadt stellen wir die
Motorräder am Anfang der
Fußgängerzone unweit des
Marktplatzes ab. Kaum haben wir
die Motoren abgestellt, taucht
auch schon ein Polizist auf. Wir
können die Maschinen hier nicht
stehen lassen, gibt er uns zu
verstehen. Jetzt heißt es
freundlich sein und sich ein
bisschen blöde stellen. Gerne
parken wir unsere Motorräder an
einer anderen Stelle, sage ich
ihm, er soll nur geradeheraus
sagen, wo wir sie denn abstellen
sollen. Ihm fiel aber auch nichts
Besseres ein. Wie lange wir
bleiben? Eine Stunde? Na, da
können wir unsere fahrbaren
Untersätze auch hier stehen
lassen.

Der Marktplatz Hermann-
stadts ist imponierend groß
und wurde vor kurzem
modernisiert.

Die 170.000 Einwohner-Stadt ist 2007
Weltkulturhauptstadt. Keine

andere Stadt in Rumänien hat so
viele Investoren aus dem Westen
angelockt. Das alles ist ein
Verdienst des umtriebigen
Bürgermeisters Klaus Johannis.
Jenseits des Marktplatzes wartet
noch viel Arbeit auf den emsigen
Bürgermeister und seine
Hermannstädter. Die Altstadt
verströmt einen morbiden Charme
und der Putz bröselt von den
Fassaden, die oft reich verziert
vom einstigen Wohlstand
erzählen. Einst hatte die Stadt in
Siebenbürgen eine der ersten
Straßenbahnen, die die Vororte
mit dem Zentrum verbanden und
war bis zum zweiten Weltkrieg ein
bedeutender Industriestandort.


 Nach einer kühlen Cola in einem
Straßencafe ziehen wir weiter. Es
ist wieder einmal gar nicht so
einfach, den richtigen Weg aus
der Stadt zu finden. Unsere
Straße führt nach Süden nach
Brasov (Kronstadt) und ist in den
ersten Kilometern auch die Straße
zur Hauptstadt Bukarest. Sie ist
breit wie eine Autobahn, ohne
jedoch eine Autobahn zu sein,
und ohne dass irgendwelche
Straßenmarkierungen Fahrbahnen
und Spuren einteilen. Die
Autofahrer rasen hier so schnell
wie auf der deutschen Autobahn,
sofern ihr Auto das erlaubt. Nach
einigen Kilometern geht es für uns
wieder nach Osten in Serpentinen
hoch und in Richtung der Städte
Fogarasch und Brasov.



Kurvenspaß in den Karpaten

Bei Cartisoara biegen wir rechts in
ein kleines Seitental und fahren
auf der 7c, der Transfogarasch,
weiter. Der Name lässt durch die
Vorsilbe „trans“ an eine große,
viel befahrene Durchfahrtsstraße
denken. Doch tatsächlich
schlängelt sich die Straße durch
das Fogaraschgebirge, schmal-
spurig einem kleinen Flüsschen
entlang.

A n diesem sonnigen
Sonntag-vormittag sitzen
die Menschen am Fluss oder

spielen auf den Wiesen Ball.
Kleine Mädchen haben sich
Blumenkränze geflochten und

tragen sie stolz im Haar. Überall
werden Feuer entzündet und die
Männer stoßen mit flusskühlem
Bier an. Durch das Visier des
Motorradhelms dringt
verführerischer Geruch von
gegrilltem Fleisch.

In zahlreichen Serpentinen windet
sich das Sträßchen hinauf bis über
die Baumgrenze und weiter. An
der Talstation der Bergbahn sagt
ein Schild, dass der Pass
geschlossen sei. Das lässt uns
kurz stutzen, doch ein
Einheimischer lacht und winkt, wir

sollen ruhig weiter fahren. Kein
Mensch hier schert sich um das
Verbotsschild. Weiter schlängelt
sich das Sträßchen wie bei einem
Alpenpass hinauf und bahnt sich
den Weg durch übermannshohe
Eiszungen.


 Gerölllawinen haben sich immer
wieder auf die Fahrbahn
geschoben und die Leitplanken
wurden an manchen Stellen
irgend einmal von den Eis-und
Schneemassen zu wild
verschlungenen Skulpturen
verbogen. Oben, auf der höchsten
Stelle der Bergstraße, wo die
Bergstation der Seilbahn neben
dem idyllischen Balea Bergsee
liegt, bleibt der harsche Schnee
zu beiden Seiten der Straße
meterhoch liegen. Kein Wunder,
denn wir sind auf dem Sattel
zwischen zwei veritablen
2500ern: dem Negoiu (2535m) im
Westen und dem Moldoveanu
(2544m) im Osten. Auf der
schmalen Fahrrinne zwischen den
Schneefeldern hat sich ein Stau in
beiden Richtungen gebildet und es
wird rangiert, gehupt, Gas
gegeben, gebremst, gehupt,
geflucht und wieder gehupt, was
das Zeug hält.

Wir mogeln uns
durch das hochkarpatische
Verkehrschaos hindurch und die
Straße führt uns zu einem Tunnel.
Ein Tunnel? Eigentlich ist es nur
ein finsteres Loch in der
Felswand. Vor und hinter mir
Autos. Die Leute in den
Fahrzeugen schreien aus vollem
Hals aus den Autos in das
Schwarz der Höhle. Ich habe die
Befürchtung, ich könnte auf dem
eisig schlüpfrigen Untergrund mit
meiner Maschine ausrutschen und
der Autofahrer hinter mir kriegt
das vor lauter Gehupe und
Geschreie nicht mit und überrollt
mich. Doch ich bin nicht gestürzt
und habe das Licht am Ende des
Tunnels erreicht.

Dort schlängelt sich das
Sträßchen in Serpentinen hinunter
zu einem Stausee. Hier auf der
Südflanke des Berges ist es
kühler. Auf halbem Weg hinunter
machen wir kurz Rast und
erfrischen uns an einem der
vielen kleinen Gebirgsbächlein.
Ein Esel kommt bei mir vorbei und
will etwas zum Naschen
abstauben. Je näher wir dem
Stausee kommen, desto mehr
legt sich nun der
Nachmittagsregen ins Zeug, uns
wieder einmal so richtig nass zu
machen. Als wäre das nicht schon
genug, entpuppt sich die Straße
um den Stausee als die
erbärmlichste Schlaglochpiste, die
wir bisher gesehen haben. Ist
eine schlechte Straße schlimmer
als keine Straße? Diese Frage
stelle ich mir hier und beantworte
sie für diesmal eindeutig mit ja.


Mit 30 km/h kurve ich die BMW
zwischen den Schlaglöchern wie
beim Slalom hindurch. Das gelingt
mir nicht immer und so kracht
mein Motorrad hin und wieder in
eines der Löcher hinein. An vielen
Stellen sind so viele Löcher in der
Asphaltdecke, dass nur noch loser
Gerölluntergrund vorhanden ist.
Die Kurverei erfordert hohe
Konzentration, so dass für einen
Blick nach rechts zum See kaum
Zeit bleibt. Es wartet aber auch
nichts Sehenswertes dort. Bleiern
liegt der Stausee hinter dem
grauen Regenvorhang.

Erst als wir am anderen Ende des
Sees an der Staumauer
ankommen, hellt das Wetter
wieder auf. Spaziergänger
bevölkern die Mauer und das
Seeufer. Junge Soldaten
bewachen mit ihren Karabinern
das Bauwerk. Talabwärts wird
auch die Straße besser und links
und rechts des Seeabflusses
lagern viele Familien zum Picknick
im Grünen und ich wünsche mir,
jemand würde seine gegrillten
Würste und Fleischspieße zum
Kauf anbieten.


 Der Weg hat uns weit nach Süden
getrieben. Bei Curtea de Arges
geht es nach Osten, bis wir nach

38 Kilometern auf die 73 stoßen.
Über Campulung fahren wir in
Richtung Norden nach Brasov. Die
Straße ist zunächst eben und
langweilig, wird aber zunehmend
kleiner und kurviger, aber auch
wieder voller Schlaglöcher.
Trotzdem machen die Kurven und
Serpentinen und das hügelige Auf
und Ab riesigen Spaß. Die
Ideallinie müssen wir dabei neu
definieren. Sie ist hier nicht die
Streckenführung, mit der man wie
üblich eine Kurvenkombination
am schnellsten durchfahren kann.
Hier ist sie die Strecke, die uns
zwischen den Straßenlöchern und
-flicken am gefahrlosesten durch
die Straßenwindungen bringt. Ich
arbeite mich richtig in einen flow
hinein. Das ist der Zustand, in
dem das Fahren nicht mehr über
das Bewusstsein gesteuert und
kontrolliert wird. Einen PKW nach
dem anderen überholen wir und
kurz vor Bran muss ich schon
ganz schön aufdrehen, um
schließlich mit 160 Sachen einen
weißen Citroen im Renntrimm auf
der kleinen Landstraße zu
„verbrennen“. So ein Leichtsinn!


Leitplanken in den Karpaten.

Es ist schon früher Abend, als wir
in Bran (Törzburg) ankommen
und es wird schon dunkel.

 Die Burg mit ihren verschachtelten Gebäuden und Türmen können
wir in der beginnenden
Dämmerung noch gut auf einem
Bergrücken stehend sehen. Ein
Besuch ist leider nicht mehr
möglich. Die Burg wurde 1377
vom Deutschen Orden gegründet.
Heute ist sie im Besitz Dominiks
von Habsburg. Gerne möchte die
Stadt Kronstadt das alte Gebäude
erwerben und touristisch nutzen,
denn Fürst Vlad III soll auf der
Burg mehrmals genächtigt haben.
Es ist jener Fürst Vlad, der in
Schäßburg angeblich geboren
wurde und der posthum den Titel
Tepes, der Pfähler, erhalten hatte.
Dieser Pfähler ist das Vorbild für
die Romanfigur Dracula, die der
irischen Schriftstellers Bram
Stoker 1881 erfunden hat und der
hier, glaubt man dem Roman,
sein Unwesen treibt. Der
historisch Fürst Vlad III hat den
Titel Draculea von seinem Vater
Vlad II übernommen, der dem
Drachenorden angehörte.
Draculea soll übersetzt Sohn des
Drachens oder Teufels heißen. Die

historische Gestalt gilt den
Rumänen als harter, aber
gerechter Herr, der gegen

Ungerechtigkeit und Korruption
vorgegangen ist. So ruft in
Rumänien auch heute noch
mancher Stoßseufzer nach Tepes.
Das Pfählen seiner Feinde, und
das waren neben Großbauern und
Türken noch eine ganze Reihe
anderer, war eine von vielen
Grausamkeiten, mit der man
seine Feinde beeindruckte und
bestrafte, und im 15. Jahrhundert
in der Walachei durchaus üblich.
Die Romanfigur Dracula, der
Blutsauger, lässt sich in Bran
hervorragend für den hier
aufblühenden Tourismus nutzen

und so gibt es neben Dracula
Souvenirs auch ein Happy Dracula
Camping.

Bei der Suche nach einem Hotel
finden wir tatsächliche drei freie
Betten zu günstigen Preisen in
einem allerdings verkommenen
Hotel. Dort ist eine Hochzeitsfeier
in vollem Gange und bevor ich
mich für das Hotel entscheide,
überlege ich mir, dass so eine
Hochzeitsfeier immer mit Lärm bis
in die tiefe Nacht verbunden ist.
Das kann ich heute wirklich nicht
gebrauchen. Aber vielleicht
kommt man mit der
Hochzeitsgesellschaft ins
Gespräch und es entwickelt sich

ein ganz angenehmer Kontakt
daraus? Andererseits sind
Hochzeitsgesellschaften immer
angetrunken und ein
Missverständnis genügt, und es

entsteht die größte Schlägerei
daraus. Da reicht es völlig, dass
wir beim Anstoßen versehentlich
„Prost“ sagen, was auf Rumänisch
„dumm“ heißt, und wir werden
von den heißblütigen Rumänen
gnadenlos verprügelt, bevor wir
den Irrtum aufklären können.
Solche Gedanken schießen mir
durch den Kopf, als ich von der
freundlichen Damen an der
Rezeption zurück zu den beiden
Freunden auf dem Parkplatz gehe.
Jetzt will ich hier nicht mehr
absteigen, zumal nur wenige
Meter weiter ein Schild verkündet,
dass an der Straße rechts hoch
ein nigelnagelneues Hotel auf uns
wartet. Also: Los geht’s! Die
Straße zum Hotel wird immer
steiler und nach hundert Metern
wird sie zum geschotterten
Feldweg.

Weiter hoch ähnelt sie
einem ausgetrockneten Bachbett
mit groben Kieselsteinen, aber ein
Hotel ist weit und breit nicht zu
sehen. Ich hätte nicht gedacht,
dass ich mit meiner
Straßenmaschine in einem
solchen Geröllfeld hochfahren
kann. Wir kehren um und ich
muss mir eingestehen, dass ich
Rumänien noch nicht ganz
verstanden habe. Hinweisschilder,
Verkehrszeichen und auch Ampeln
sind hier unverbindliche
Vorschläge und Wünsche. Man
könnte (!) bei Rot anhalten, hier
könnte (!) man langsamer fahren
und hier wäre (!) es schön,
stünde da ein Hotel (und vielleicht
steht es auch irgendwann einmal
dort), aber so richtig verbindlich
ist das doch alles nicht.


 Bevor wir in Brasov (Kronstadt)
einfahren, wird die rechte Seite
unserer Motorradreifen nochmals
von den Vogelgrippeviren befreit.
Mit Hilfe eines freundlichen
Taxifahrers finden wir nach einer

kleinen Odyssee (Spinnen die,
soviel für ein Zimmer zu
verlangen!) im Zentrum ein aus
sozialistischen Zeiten
stammendes Hotel, das uns
finanziell akzeptabel erscheint.
Die Motorräder werden sicher im
Hinterhof verschlossen, und auch
wenn Jens ein ungutes Gefühl
hat, finden wir sie dort am
nächsten Morgen unversehrt
wieder.

Im Untergeschoß des großen
Hotelgebäudes ist eine Bank
untergebracht. „Banka
Transsilvania“ steht in großen
goldenen Buchstaben an der
Fassade. Sollte die
Vorstandschaft der Bank jemals
vorhaben, als global player
auftreten zu wollen, muss sie den
Namen ändern. Wer würde im
Westen denn Geldgeschäfte mit
einer Bank dieses Namens
machen wollen? Ich sehe die
Werbung schon vor mir:
„Transsilvanische Bank -Draculas
Hausbank: Wir saugen sie aus bis
zum letzten Cent!“


Hotel und Banka Transsilvania

Die Fußgängerzone Kronstadts
wird gerade gepflastert, als wir
am Sonntagabend (ja am Sonntag
wird gearbeitet!) durch die
Altstadt schlendern.

Der Marktplatz ist schon fertig und
genauso riesig wie in
Hermannstadt. Der Rathausturm
steht kantig und massig in der
Mitte des Platzes. Dahinter erhebt
sich die Schwarze Kirche, das
Wahrzeichen Kronstadts und das
alte Gymnasium mit dem
Denkmal Honterius’. Bis dahin
sind die Stadtplaner mit der
Modernisierung noch nicht
vorgedrungen. Die Restaurants
und Cafes am Marktplatz haben

alle außen bestuhlt und fast alle
Plätze sind von gutgelaunten
Leuten besetzt. Die Jugend
Kronstadts ist scharenweise

unterwegs: die jungen Männer
sehen fast alle aus wie
Nachwuchsmachos und die
Mädchen sind aufgedonnert und
so leicht bekleidet, als ob sie zum
Anschaffen gehen. Wer weiß?


 Wir finden noch Platz im
Restaurant „Altstadt“. Jens und
Hans-Jürgen bekommen von der

jungen Bedienung in einer
feschen Pseudotracht einmal
wieder Steak mit Pommes und
Salat serviert. Ich wähle eine
Spezialität des Landes: wieder
einmal Mamaliga (Maisbrei) mit

Schafskäse und dazu heute
gebratenen Hühnerherzen.
Obwohl ich mit Tuica, einem
scharfem Pflaumenschnaps,

kräftig nachspüle, musste ich in
der Nacht meine Vorräte an
Imodium plündern.


 Am nächsten Morgen habe ich
keine Lust auf Essen. Der Grund
dafür ist nicht nur das miese
Frühstück. Die Kraft der zwei (und
mehr) Hühner-Herzen schwächt
noch meine Verdauung.

Unser Weg führt hinaus aus der

malerischen Altstadt durch die
Plattenbausiedlungen und die
Industrievorstädte in den
Nordosten und durch ein breites

Tal. Bei nebelfeuchtem Wetter
fahren wir zunächst durch nette
Dörfchen. Ungarn sollen hier
siedeln. Auch hier werden Waren
am Straßenrand angeboten. Brot
und Käse gibt es bei den Ungarn
zu kaufen. Beides wird sauber
unter Glasvitrinen feilgeboten.

Nach Targu Secuiesc geht es
wieder hinauf ins Gebirge.

Die Straßen sind gut und mit der Zeit
kommt die Sonne durch den
Nebel. In Oesti verlassen wir die
Straße 11 und fahren auf einer
kleinen Straße nach Osten, nach
Adjuct. Nach all den
Schlaglochpisten können wir
dieses kleine Sträßchen, das uns
durch das Mittelgebirge führt,
trotz gelegentlicher Flicken,
Buckel und Löcher genießen. In
Adjuct verläuft unser Weg genau
so, wie es mir ein Bekannter
erzählte, der hier ab und zu
geschäftlich zu tun hat: erst links
auf die Hauptstraße und dann
nach wenigen hundert Metern bei
einer Tankstelle rechts ab nach
Bârlad. Die Straße nach Bârlad ist
ein Betonweg. Teilweise in gutem,
teilweise in miserablem Zustand
bringt sie uns über ein baumloses
Hügelland.

Die spärlichen Siedlungen
entlang der Betonplattentrasse
sind kleine, dreckige Nester. Vor
Bârlad biegen wir links wieder auf
eine größere Straße und
versorgen unsere Motorräder mit
Sprit an der Tankstelle am
Ortseingang. Hans-Jürgen hat
nicht mehr genügend Leu und
möchte mit seiner Kreditkarte
bezahlen. Die beiden
Tankstellenpächter akzeptieren
die Karte nicht, da die deutsche
Karte keinen Zahlencode zur
Bestätigung erfordert wie die
rumänischen Kreditkarten. Als
Hans-Jürgen dann schließlich gute
Euros auf die Kassentheke legt
und geht, schimpfen die beiden
und schicken uns sicher noch die
eine oder andere rumänische
Verwünschung nach. Erst auf der
Bank beim Wechseln der Euros
werden sie gemerkt haben, dass

sie dabei ein gutes Geschäft
gemacht haben.

Die Stadt Bârlad dämmert im
breiten, baumlosen Tal des
gleichnamigen Flusses an der
staubigen Straße 24 dahin. Nichts
ist hier mehr zu sehen von den
anheimelnden Gassen Sieben-
bürgens oder den sauberen
Holzhäusern in den Bauerndörfern
des Maramuresch. Häuser aus
verrottendem Betonplatten
verströmen Tristesse.

Die Straße 24 begleitet uns weiter
nach Norden durch das weite Tal.
Jens hat bei einer Pause
Probleme, denn wirklich nirgends
ist ein Baum oder auch nur ein
kleiner Strauch zu entdecken. So
hat er nichts, hinter das er sich
beim Pinkeln vor den neugierig
Blicken des glotzenden
Weideviehs verstecken könnte.

Erst nach 30 langweiligen
Kilometern kommt mit Crasna der
nächste Ort. Danach gabelt sich
die Straße und in der Gabelung
lauert eine Polizeistation. Die
beiden Polizisten lassen es sich
nicht entgehen, uns drei
Motorradfahrer aus Deutschland
anzuhalten. Die jungen Beamten
sind freundlich und korrekt und
wir setzen unsere Fahrt nach der
Kontrolle fort nach Husi, dem
letzten rumänischen Ort unserer
Reise und in das menschenleere
Grenzland am Fluss Prut.



RumänischeLandstraße


Wenig später stehen wir an der
letzten Tankstelle in Rumänien,
die wie alle Tankstellen in
Osteuropa nagelneu ist. Wir
investieren unsere letzten
rumänischen Leu in Benzin und
Getränke.

Auf der rumänischen Seite der
Grenze will der erste, der uns
anhält, Geld: Rumänische Leu,
umgerechnet etwa drei Euro. Wo
soll ich die jetzt hernehmen? Und
wozu braucht der Kerl das Geld?
Der hat nicht einmal eine Uniform
an! Ich biete ihm zwei Euro, die
ich in meinem Geldbeutel finde
und darf eine Station weiter
fahren. Auch die andern beiden
können das irgendwie regeln,
aber niemand von uns weiß, wozu
und wofür wir das Geld zahlen
sollen. Eine Quittung bekommen
wir auch nicht. Na, ich kann mir
schon vorstellen, welchen
besonderen Zweck das Geld hat!

Die anderen Formalitäten sind
schnell erledigt und wir können
nach Moldau ausreisen. Die
Leitplanken, Schilder und
Laternen sehen noch
heruntergekommener aus. Ich bin
überrascht, dass das möglich ist.

Wir sind die einzigen, dieeinreisen möchten.

Am ersten
Schlagbaum müssen wir halten.
Ein junger Uniformierter kommt

aus seinem recht modernen
Glashaus. Hektisch rennt er von
seinem PC im Häuschen heraus,
merkt sich das Kennzeichen eines
unserer Maschinen, rennt wieder
hinein, tippt das Kennzeichen ein,
rennt heraus, merkt sich das
nächste Kennzeichen, rennt
hinein, hat das Kennzeichen
vergessen, rennt heraus …. Bis er
durch das Hupen eines Porsche
Cayenne aufgeschreckt wird. In
dem Luxuswagen sitzen zwei
hübsche jungen Frauen und ein
Kleinkind. Das erste Auto mit
moldawischen Kennzeichen, das
wir sehen. Die Armut in der
Republik Moldau, dem ärmsten
Land Europas, hatte ich mir
irgendwie anders vorgestellt. Der
Porsche verschwindet nach
Rumänien. Jetzt hat unser junger
Grenzbeamter auch wieder Zeit
für uns. Er winkt einem alten
Mann, der aus dem Schatten zu
uns tritt. Der spritzt die
Vogelgrippeviren von unseren
Motorradreifen. Aber natürlich
wieder nur die auf der rechten
Seite. Dann dürfen wir weiter. Die
eigentliche Grenzanlage sieht
modern und gepflegt aus. Das
gute Dutzend von Beamten, das
sich hier die Zeit vertreibt, hat
gute Laune: das Wetter ist schön
und bis auf drei komische
Motorradfahrer aus Deutschland,
die etwas Gesprächsstoff liefern,
gibt es nichts zu tun. Da nur der
jüngste Beamten englisch
sprechen kann, darf er die ganze
Arbeit machen.


Wir haben auch unseren Spaß,
denn während die Grenzer unser
Motorräder inspizieren,
bewundern wir deren Schuhmode:
Spitz, spitzer am spitzesten. Mir
scheint, dass ein Zusammenhang
zwischen Dienstrang und Schuhen
besteht: Je mehr Streifen auf der
Schulter, desto spitzer der
Halbschuh. Ich kann mich da aber
auch täuschen. Ein letzter
Schlagbaum und ein letzter
Grenzbeamter. Mit seinem
Computer im Glashaus kontrolliert
er, ob wir nicht noch schnell
während unseres Aufenthalts an
den Grenzanlagen unsere
Kennzeichen ausgetauscht haben.
Dann öffnet sich auch dieses Tor
und wir sind in der Republik
Moldawien.

Die ersten Kilometer sind nicht
schlecht. Die Straße führt an
einem Stausee vorbei, in dem
Kinder sich abkühlen. Von dem
Motorenlärm unserer Maschinen
angelockt, schwimmen sie ans
Ufer, klettern den Straßendamm
hoch und glotzen uns an. Keiner
winkt uns zurück oder lacht. Das
haben die Sowjets wohl den
Leuten hier ausgetrieben.

Die Hauptstraße nach Chisinau ist
gesperrt und die Umleitung bringt
uns an noch ärmlicheren Dörfern
vorbei als an denen, die wir in
Rumänien gesehen haben. Kaum
Autos und kaum
landwirtschaftliche Maschinen
sehen wir, nur Pferdewagen und
gebückte Rücken auf den Äckern.
Die Straßen sind schlecht, aber
immerhin besser als in
Nordrumänien.

Der Weg von der Grenze zur
Hauptstadt ist nicht weit. Rechts
am Straßenrand steht in riesigen
Lettern „Chisinau“. Wir sind in der
Hauptstadt der Republik Moldau
angekommen.


Ankunft in Chisinau

Ich halte an und rufe mit meinem
Handy Catalin an. Catalin Giosan
ist der Direktor des Senders Pro-
TV Chisinau, eine der sechs
privaten Fernsehanstalten im
Land. Wir sollen einfach der
Hauptstraße entlang in die Stadt
fahren und wenn die Bebauung
urbaner werde, stehe er am
Straßenrand und winke. Er sei mit
einem schwarzen t-shirt und einer
schwarzen Hose bekleidet und
trage eine Sonnenbrille.

Klingt ganz leicht. Ist es aber
nicht. An der ersten Kreuzung ist
die Hauptstraße gesperrt. Wir
werden nach rechts umgeleitet.
Hier sehe ich zum ersten Mal die
Polizeiwagen Moldaus. Ladas mit
schwarz-weißer Lackierung und
Stern auf der Türe. Das erinnert
mich an die amerikanischen
Polizeiwagen der 60er Jahre, die
ich als Kind in den Fernsehserien
gesehen habe.

Die Uniform der
Polizisten ist auch schwarz-weiß
und die gigantische Schirmmütze
ist eine Reminiszenz an die

Vergangenheit Moldaus als
Republik in der Sowjetunion: eine
seltsame Mischung. Ich habe
zunächst angenommen, Catalin
wusste von der Umleitung. Da wir
aber nach 15 Minuten wieder vom
Stadtzentrum weg in die
Trabantenstädte mit den grauen
Plattenbauten fahren, kommen
mir doch Zweifel. Wir halten an
und ich rufe Catalin noch einmal
an. Wir stehen neben einem
Hochhaus mit auffallend vielen
und großen Antennen. Er hat
keine Ahnung, wo wir stehen. Also
schlagen wir uns alleine durch.

Polizei ist überall in Chisinau


Junge Männer in einem Taxi rufen
uns beim Vorbeifahren etwas
anfeuernd zu. Ich fahre ihnen
nach und setzte mich an einer
Ampel neben sie und frage nach
dem Weg. Glück gehabt! Einer
kann brauchbares Englisch und
beschreibt uns den Weg zum
Boulevard Stefan Cel Mare, der
Prachtstraße Chisinaus, wo
Catalin auf uns wartet.

Kompliziert ist der Weg nicht,
denn die Straßen sind breit und
gerade. Er führt uns durch das
Trabantengrau sozialistischer
Vorstädte, über eine Brücke an
das andere Ufer des Bâc
geradewegs auf den riesigen Bau
des Hotels National zu. 90 Grad
nach links abbiegen und wir sind
auf dem Boulevard Stefan Cel
Mare. Hier sind viele Geschäfte
und viele Menschen. Wir treiben
mit dem Hauptstadtverkehr der
Prachtstraße entlang und halten
nach Catalin Ausschau. Einen
Mann mit schwarzer Hose und
schwarzem t-shirt, dunkler
Sonnenbrille und kurzem
schwarzen Haaren zu finden ist
nicht schwer. Jeder dritte Mann
sieht hier so aus. Als würden sie
hier bodygards und Türsteher
klonen. Keiner der Männer winkt
uns zu. Also ist Catalin nicht dabei
und wir fahren weiter.

Links erkenne ich das
Parlamentsgebäude Moldaus,
davor ein großer Platz, den wir
überqueren.

Parlamentsgebäude

Dann werde ich von
einem Polizisten angehalten. Ich
habe mich schon gewundert, dass
wir erst jetzt angehalten werden,
denn schließlich ist an fast jeder
Straßenkreuzung Polizei. Wie
immer in diesen Situationen gilt
es, sich recht freundlich und leicht
begriffsstutzig zu geben. Noch
während mir der moldauische
Beamte meinen Regelverstoß zu
erklären versucht entdecken Jens
und Hans-Jürgen Catalin, der
keine 50 Meter weiter am
Straßenrand auf uns wartet.

Der
Polizist lässt nun auch von mir ab
und wir folgen Catalins
schwarzem (!) Nobelgelände-
wagen in eine der vielen Alleen im
gepflegten Ministerien-und
Behördenviertel. Vor dem Hotel
Dacia halten wir an. Hier hat
Catalin uns Zimmer reserviert.
Kaum haben wir uns begrüßt, gibt
es wieder Ärger mit der Polizei.
Wir sollen die Fahrzeuge sofort
entfernen. Nicht, dass wir
jemanden behindern, nur ist das
Hotel in der Nähe von Ministerien.
Wir stellen unsere Motorräder
nach Anweisung des
Hotelpersonals in einem Hinterhof
in der Nähe des Hotels ab. Einige
schlecht rasierte Typen sitzen
wohlgenährt und in Unterhemden
auf Gartenstühlen vor einem alten
Wohnwagen und passen auf die
Fahrzeuge hier auf. Ganz wohl ist
mir nicht, unsere Motorräder in
die Obhut dieser Männer zu
geben. Ich stelle mir vor, wie der
dicke Parkplatzmanager gleich
nach unserem Verschwinden
einen guten Freund anruft und
ihm von unseren Motorrädern
erzählt. Aber in Moldau scheint
kein Bedarf an gebrauchten
Motorrädern zu sein. Jedenfalls
haben wir unsere Maschinen am
nächsten Tag wieder unversehrt,
erhalten.

Die Zimmer im Dacia sind in
Ordnung, doch für 90 US Dollar
etwas arg teuer. Aber schließlich
sind wir in der Hauptstadt! Leute
aus den GUS-Staaten zahlen nur
50 US Dollar und Moldawier noch
weniger. Eine interessante Idee,
die ich zu Hause auch
übernehmen könnte: „Wo
kommen sie her? Aus Holland?
Holländer kann ich nicht leiden,
da müssen Sie das Doppelte
zahlen! Was, Sie sind Araber? Die
sind alle reich. Den fünffachen
Betrag bitte!

Der Minibarkühlschrank in den
Hotelzimmern ist ausgeschaltet
und die Flaschen stehen warm
oben drauf. Dabei hatte ich mich
so auf ein kühles Bier gefreut!
Aber hier in Moldau wird Strom
gespart, denn es reicht nicht
einmal für die nächtliche
Straßenbeleuchtung der
Hauptstadt. Wozu also Minibars in
Hotels kühlen? Chisinau versinkt
nachts im Dunkel und man muß
auf den Straßen aufpassen, denn
die Diebe machen hier auch vor
Gullydeckeln nicht halt.


 

Wir schlendern vom Hotel in
Richtung Parlamentsgebäude und
setzten uns auf die Terrasse eines
Restaurants. Eigentlich wollten wir
in das Restaurant Pane Pit, das
uns Catalin empfohlen hat. Aber
das haben wir nicht gefunden.
Während wir ein Bier trinken,
studieren wir die Speisekarte. Um
uns herum sitzen meist junge
Leute, die alle russisch sprechen.
Die russischsprachige
Bevölkerung macht in Moldau
etwa 30 Prozent aus. Hier auf der
Terrasse sind es gefühlte 100
Prozent. Die offizielle
Landessprache ist Moldauisch, die
Rumänisch sehr ähnlich ist.

Die
junge Kellnerin nimmt nach fünf
Minuten wortlos Jens die
Speisekarte weg. Unsere
Bestellung können wir nicht an sie
loswerden. Also trinken wir aus,
zahlen und gehen. Irgendetwas
haben wir wohl falsch gemacht.

Wir laufen weiter durch die
Hauptstadt Moldaus, vorbei am
Regierungsgebäude und einem
Theater. Da ist gerade eine
Veranstaltung zu Ende gegangen.
Viele junge Mädchen strömen aus
dem Gebäude. Alle sind auf-
gedonnert, tragen hochhackige
Schuhe, kurze Röckchen,
glitzernde Tops und viele halten
eine Rose in der Hand. Auf uns
Westler wirkt das Outfit nuttig.
Hier scheint es chic zu sein. Wie wir
so zusehen, wie die weibliche
Jugend Chisinaus vor uns mit
atemberaubend langen Beinen auf
ebenso atemberaubend hohen
stiletto heels herumstackselt,
entdecken wir unser Restaurant
Pane Pit.

Im Garten des Restaurants sitzen
wir angenehm und wir werden
von jungen Damen in
Landhauskleidern freundlich
bedient. Das Stimmengewirr der
Gäste ist international. „Take
Five“ spielt eine Dreimannband
etwas laut, als wir auf unsere
Vorspeise warten. Das Essen ist
erstaunlich gut und auch die
hervorragende Qualität des
Rotweins aus Moldau überrascht
mich.


Wir wollten gerade gehen, da ruft
mich Catalin an, wo wir denn
stecken? Wir verabreden uns
gleich im Restaurant, besorgen
einen größeren Tisch für sechs
und nach einigen Minuten stoßen
Catalin, Michael und Claus zu uns.
Michael war vor einigen Jahren
hier Botschafter und ist nun zu
einem privaten Besuch mit seiner
Familie in Moldau. Claus, ein
promovierter Politologe, arbeitet
seit Jahren für die OSZE in
Chisinau.

Bei einem Glas Cricova Brut, der
sich hinter keinem deutschen Sekt
zu verstecken braucht, plaudern
wir etwas. Catalin erzählt, der
Inhaber seiner Fernsehstation,
Ronald Lauder, Erbe des
Kosmetikimperiums Estee Lauder
und ehemaliger Botschafter der
USA in Österreich, habe im
Frühjahr das Klimt Bild Adele
Blocher-Bauers aus dem Jahre
1907 für 104 Millionen Euro
ersteigert. Catalin findet das
verrückt. Ich finde es mindestens
genauso verrückt, Geld in eine
Fernsehstation in Moldau zu

stecken. Zudem hat Ron Lauder
eine ganze Reihe von
Fernsehstationen in ganz
Osteuropa.

Kunst und Fernsehstationen: Der Mann hat
teuere Sammelleidenschaften!

Michael und Claus witzeln über die
Situation in Rumänien und in
Moldau und machen
Insiderscherze. Mir fällt auf, was
für ein bunter Haufen wir am
Tisch sind. Auch wir drei
Motorradfahrer sind ganz
verschieden: von Alter, Beruf und
Lebenserfahrung. Das kann
manchmal nervig sein, meistens
ist es lustig und belebt unsere
Tour. Doch egal wie
unterschiedlich wir sind, verbindet
uns doch die Freude mit dem
Motorrad fremde Länder zu
erkunden.

Wir schlendern zu unserem Hotel
zurück. Uns ist noch nach einem
Gute-Nacht-Bierchen. Die Bar
unseres Hotels hat schon
geschlossen. Hans-Jürgen
organisiert schnell ein Taxi. Wir
zwängen uns in den Kleinwagen
und als Zielangabe sagt Hans-
Jürgen „beer – girls“. Der Fahrer
sagt nach kurzem Nachdenken
„Da“ und „Yes!“ und gibt Gas.
Was jetzt kommt, erscheint mir
wie aus einem surrealistischen
Film. Vier Männer sausen in einem
Kleinwagen zusammengekauert
durch die finstere Hauptstadt des
ärmsten Landes Europas. Die
Wohnblocks sind nur schemenhaft
als dunkle Schatten vor dem
schwarzen Himmel zu erahnen.
Ich erkenne, wie wir dem
finsteren Boulevard hinunter zum
Hotel National fahren. Dort geht
es rechts über die Brücke und
weiter gerade aus, wo wir am
Morgen noch hergefahren sind. In
den Straßen sehen wir kaum
Menschen und Autos. Wir

kommen an Plätzen vorbei, an
denen die Leuchtschriften wie
„Casino“ und „Bar“ in der ganzen
Dunkelheit aberwitzig wirken. Ich
frage mich, wovon die leben und
wer denn da rein geht. Der Fahrer
biegt in eine dunkle Seitengasse
ein und hält unter einer grünen
Neonleuchtschrift. Darunter ist
eine Türe, die wohl in das
Untergeschoß des Betonblocks
führt. Vor der Türe steht ein
Zweimetermann mit
Sumoringerstatur. Ganz schwarz
ist er gekleidet und trägt eine
Sonnenbrille. Klar, hier im
finsteren Chisinau kurz vor
Mitternacht! Mein Durst auf ein
Bier ist weg. Irgendetwas sagt
mir, dass ich keine Lust habe auf
das Abendteuer, das da unten im
Kellergeschoß auf mich wartet.
Wir fahren wieder zurück. Das
Bier in der Minibar meines
Zimmers ist nun endlich kühl und
schmeckt einfach köstlich.

Das Wetter ist schön am
nächsten Morgen und die
Motorräder sind auch noch
da. Der bierbäuchige Parkwächter
freut sich sichtlich über unser
Trinkgeld. Das ist schon einmal
ein guter Start für diesen Tag. Wir

fahren durch Alleen des
Ministerien-und
Diplomatenviertels hindurch auf

den Boulevard Stefan cel Mare
und am Parlamentsgebäude
vorbei. Am Ende des Platzes
winkt uns ein Polizist aus dem
Verkehr. Er will meine Papier
sehen, studiert sie fleißig und
fragt, ob ich tatsächlich Hermann
heiße. Ich sage ja, denn
schließlich ist das mein zweiter
Vorname. Das amüsiert den
Uniformierten prächtig.

Der Polizist deutet auf das andere
Ende des Platzes, sagt „Motozycl
– Schasse!“ und fuchtelt wild
gestikulierend in der Luft herum.
Ich stelle mich dummfreundlich.
Also holt er ein Buch heraus und
zeigt mir das Verkehrsschild, das
angeblich am Anfang des Platzes
stünde. Es zeigt ein Mofa auf
weißem Grund im roten Kreis und
rot durchgestrichen. Dass wir
keine Mofas haben, sondern
Motorräder und ich überhaupt das
Schild nicht gesehen habe, diese
Bemerkung verkneife ich mir. Er
hätte es in keiner Sprache, die
mir zu Verfügung steht,
verstanden und außerdem hätte
uns eine solche Klugscheißerei
bestimmt nicht genutzt. Ich
wollte die Sache abkürzen, zeigte
mich einsichtig und fragte, wie
viele Leu ich zahlen soll. Nein, so
schnell will er uns nicht gehen
lassen.
Jetzt fragt er nach einer
Straßenkarte. Auf der zeigt er
uns, nun ganz Kumpel, der er
mittlerweile geworden ist, dass
wir auf keinen Fall über Tiraspol,
der Hauptstadt der abtrünnigen
Provinz Transnistrien, fahren
sollen. Das wussten wir zwar
schön längst, aber es ist ja nett
gemeint. Er will uns eine
Ausweichrute über Tighina
erklären. Dabei verrät er, dass
Kartenlesen nicht seine Stärke ist.
Ein Erinnerungsfoto, das ich von
ihm machen möchte, lässt unser
Polizist leider nicht zu. Nun sollen
wir unsere Maschinen auf die
andere Straßenseite fahren. Er
erzählt dort, dass er 1991 in der
Roten Armee war, in Potsdam
stationiert war und daher etwas
Deutsch könne. Eine Kostprobe

seiner deutschen
Sprachkenntnisse hatte ich ja
anfangs schon erhalten. Es sei
eine schöne Zeit gewesen, in
Deutschland, gab er mir zu
verstehen. Dann fragte er nach
dem Preis der Motorräder und
noch dies und das, testete mit der
Hand die Stabilität meiner
Lederhose, befand die Qualität für
sehr gut und sagte mir, wie ich
das Geld ihm zur möglichst
diskreten Übergabe hinhalten
sollte. 100 Moldau-Leu, etwa fünf
Euro, hat mich diese moldawische
Folkloreveranstaltung unseres
Polizisten gekostet. Nun bekam
ich meine Papiere zurück. Mit
Handschlag verabschieden wir
uns. Wir fahren auf den kleinen
Alleen parallel des Boulevard
Stefan cel Mare zur Brücke über
den Bâc und aus der Stadt hinaus
in Richtung Odessa.

B loß nicht nach Tiraspol!
Zwar habe ich schon
Berichte gelesen, in denen
Biker problemlos durch das
abtrünnige Transnistrien gefahren
sind. Aber die politische Lage
scheint zur Zeit besonders
angespannt zu sein. Claus von der
OSZE hatte uns gewarnt und der
muss es ja wissen! Also fahren
wir erst einmal nach Südosten in
Richtung Tighina. Auf Deutsch
heißt die Stadt Bender, was im
Englischen Tunte bedeutet. Auf
halben Weg nach „Tunte“ geht es
dann recht weg und immer
gerade aus nach Palanka. Das
Dorf erscheint zwar auf keiner
unserer Karten, doch alle, die wir
fragen, sagten uns, wir sollen
lange, lange gerade aus fahren
und dann links nach Palanka
abbiegen. Und so ist es dann
auch.

Nach fast unendlich langen
40 Kilometern auf einem teilweise
miserablen kleinen Sträßchen
geht es links weg. Wir fahren
durch Weinberge, die sich sanft
dem Schwarzen Meer
entgegensenken, das man heute
jedoch nur riechen und im grauen
Dunst erahnen kann. Die
Weinberge erinnern mich an das
Medoc, wo die Rebzeilen über der
breiten Garonne stehen und so ist
es kein Wunder, dass der Merlot
und der Cabernet Sauvignon hier
gleichfalls gute Rotweine
hervorbringen. Das Dörfchen
Palanka selbst ist ein schäbiges,
kleines Nest, dessen Höhepunkt
der Grenzübergang am Ende der
Straße ist.

Die Grenzanlagen auf der
ukrainischen Seite bestehen aus

alten Wohncontainern,
Wohnwagen ohne Räder,
Bretterbuden und

Wellblechdächern. Das ganze
steht entlang eines
Straßendamms in mitten des
sumpfigen Mündungsgebiets des
Dnister. Links und rechts nur
Schilf und Sumpf. Die
Grenzbeamten sind locker drauf.
Nur einer brüllt mich aus seinem
„Dienstgebäude“, das die Größe
und das Aussehen eines hölzernen
Klohäuschens mit Durchreiche
hat, an. Ich habe ihm drei
Reisepässe auf einmal
hineinreiche. Ein unverzeihlicher
Fehler! Das hätte mich wohl
früher ein paar Jahre in Sibirien
gekostet.

Ein anderer Grenzer fragt mich,
ob ich „Produktj“ habe. „Njet
Produktj“ antworte ich. Egal,
welche Waren er sucht, ich habe
sie nicht. Doch er scheint nicht

ganz zufrieden mit meiner
Antwort zu sein. Da auf unserer
Fahrt häufig die Vogelgrippeviren
gejagt wurden, frage ich nach, ob
es um „bird flu“ gehe. Ich habe
keine Ahnung, wie Vogelgrippe
auf Ukrainisch heißt. Erst als ich
mit meinen Ellbogen den
Ententanz mache und
herumgackere wie ein krankes
Huhn, hellen sich die Gesichter
auf und allgemeine Heiterkeit
greift um sich. Nein, wir haben
keine Geflügelprodukte bei uns,
und die Beamten glauben es uns
auch ohne Kontrolle.

Odessa ist nicht weit und kündigt
sich durch einen Stau am ersten
Kreisverkehr an. Natürlich ist
Polizei am Kreisverkehr und
natürlich werden wir wieder
herausgewunken. Ich halte erst
100 Meter nach dem Kreisel
rechts an der Straße an und die
anderen beiden im Abstand
dahinter. Jens ist der letzte. Den
beißen diesmal nicht die Hunde.
Dafür wird er aber vom Polizisten
kontrolliert. Der Beamte lässt sich
die Papiere zeigen, die gerade
fünfzehn Minuten zuvor von zwei
Duzend Grenzbeamten kontrolliert
wurden. Alles ist in Ordnung!
Natürlich! Hat der denn gedacht,
wir kommen direkt von den
Grenzanlagen und haben falsche
Papiere? Wir können weiterfahren.

Odessa begrüßt uns mit
weiteren Verkehrsstaus.
Wie in allen Städten
Osteuropas hält die
Verkehrsplanung mit der
wachsenden Motorisierung nicht
Schritt. Wir fragen uns zum
Zentrum durch.

Baustellen führen fast zum Verkehrsinfarkt. Dazu
kommt noch die recht
risikofreudige Fahrweise der
Odessiten, wie sich die Einwohner
der Millionenstadt selbst nennen.

Das Zentrum Odessas ist gar
nicht so leicht zu finden. In alten
Städten Europas ist das einfach:
Da gibt es einen Marktplatz und
ein Rathaus und eine Kirche. Die
großen Straßen laufen darauf zu.
Nur ist Odessa in diesem Sinne
keine alte Stadt. Die Straßen der
Altstadt verlaufen innerhalb der
Viertel im rechten Winkel. Die
Viertel sind in den Achsen
versetzt. So ist es für uns nicht
leicht, uns zu orientieren, als wir
in die Innenstadt fahren und nach
einem Hotel suchen. Die bewährte
Methode, ein Taxi anzuheuern,
und uns zu einem Hotel hinführen
zu lassen, funktioniert hier nicht,
denn es ist in ganz Odessa kein
Taxi zu finden. Kein Scherz!
Vielleicht gibt es Tausende
inoffizieller Taxis, aber wir
entdecken lange keines mit einer
offiziellen Aufschrift.

Folklore in Odessa


Odessa und das Gebiet östlich des
Dnisters wurden 1792 unter
Katharina der Großen von
Generalmajor Joseph de Ribas,
einem Neapolitaner, von den
Türken erobert. De Ribas war
auch der erste Statthalter bis
1797.

Maßgeblich verantwortlich für den
Aufstieg Odessas war Anfang des

19. Jahrhunderts der Herzog von
Richelieu, der aus Frankreich vor
der Revolution geflüchtet war.
Natürlich haben hier am Strand
des Schwarzen Meeres schon
lange bevor die Armee der Zarin
das Land eroberte, Menschen
gelebt. Menschen vieler Rassen
und Nationen waren hier,
darunter auch Türken, Griechen
und Mongolen. Sie alle haben die
Stadt geprägt und haben hier -
auch ihre genetische -
Visitenkarte hinterlassen.
Am Tiraspolskaya-Platz finden wir
nach langer Suche doch ein Taxi
und da ich gelesen habe, das
Mozart sei ein ganz brauchbares
Mittelklassehotel, lassen wir uns
dorthin führen. Das Hotel Mozart
liegt auch nicht weit vom
Tiraspolskaya-Platz entfernt. Doch
125 Euro pro Zimmer sprengen
unsere finanziellen Vorstellungen
von einem günstigen Mittelklasse-
hotel. Die Hotels rings herum
sind jedoch auch nicht günstiger.
Wir fahren wieder zurück zum
Tiraspolskaya-Platz, um erneut
einen Taxifahrer zu suchen.

Dort
spricht uns eine Familie wegen
der Schweinfurter Kennzeichen an
Hans-Jürgens und meinem
Motorrad an: „Mensch, ist die
Welt glee!“

Einen Taxifahrer finden wir
diesmal nicht. Aber ein junger
Mann, der gerade Schach auf dem
Kofferraumdeckel seines Opel
Omega spielt, bietet seine Dienste
an. Er könne uns eine Wohnung
verschaffen. Ein Telefonat mit
seinem Handy später fahren wir
seinem Opel nach in die
Pushkinskaja. Dort warten wir vor
einem heruntergekommenen
Haus auf die Inhaberin der
Wohnung. Die Motorräder stellen
wir im Hof des Häuserblocks ab.
Das Treppenhaus zur Wohnung im
ersten Stock stinkt nach Kohl und
Erbrochenem.

Hinter den zwei Wohnungstüren
verbirgt sich eine ganz passable,
renovierte Drei-Zimmer-Wohnung
mit neuer Küche und Bad. Die
Wohnung ist mit Möbeln
ausgestattet und hält Bettwäsche
und Handtücher bereit. Sonst sind
keine persönlichen Gegenstände
oder Kleidungstücke zu finden.
Eine Wohnung für spezielle Fälle,
wie sie in großer Zahl in Odessa
angeboten werden, wie ich
hinterher erfahre. Wir sind froh,
eine Bleibe gefunden zu haben,
und zahlen dafür zusammen
weniger als im Mozart für ein
Zimmer.


Odessa lässt sich am besten vom
Hafen aus erkunden. Von dort, wo
vor einigen Jahren ein hässlicher
Hotelbau erbaut wurde und nun
die Sicht auf das Schwarze Meer
verdirbt, geht es die berühmte
Treppe hinauf in die Altstadt. Am
oberen Ende der Treppe begrüßt
uns der Herzog von Richelieu als
Bronzestatue in der Gestalt eines
römischen Senators. Dahinter
warten viele drei-bis vierstöckige
Häuser mit reich verzierten
Fassaden, die leider oft auch in
schlechtem baulichem Zustand
sind. Die schönsten Gebäude
aber, wie das Opernhaus, sind
frisch renoviert.

Zahlreiche Restaurants bieten
recht gutes Essen und
unterhaltsame Folklore-
Darbietungen. Hans-Jürgen und
ich haben unsere Freude am
Gesang der beiden ukrainischen
Mädels hinter Jens’ Rücken und
an dessen tragikomischen
Gesicht, denn ihm scheint die
Darbietung der jungen
Schönheiten im Folkloreoutfit
nicht zu gefallen. Beim
Schlendern durch die Altstadt
staunen wir über manche Auslage
in den Schaufenstern (spitze
Schuhe wie von den Leningrad
Cowboys) und ich fotografiere
(mit Erlaubnis) ukrainische
Polizeimotorräder. Wir lassen den
Abend bei einem Bier in der
Fußgängerzone ausklingen und
sehen dabei ein Fußballspiel der
Weltmeisterschaft in Deutschland
auf einer Großleinwand an.

Ein Typ fragt mich, woher ich
komme und als er hört, dass ich
Deutscher bin, gratuliert er mir
zum gewonnen Spiel gegen

 

Die Potemkin Treppe in Odessa


Ecuador und zum guten Spiel der
Deutschen Nationalmannschaft.
Nur gut, dass an diesem Abend
nicht die Ukraine spielt! Und
schon gar nicht gegen
Deutschland! Das wäre dann kein
gemütlicher Abend geworden!

Die Augen sind noch geschlossen,

als ich am nächsten Morgen
aufwache, aber ich höre den
Regen heftig prasseln.

Ich
versuche weiterzuschlafen und
hoffe auf Sonne, doch das bringt
auch nichts. Es regnet weiter und
heftiger. Das Stadtbild und unsere
Stimmung leiden deutlich unter
dem Regen. Was machen? Im
Regen 600 öde Kilometer nach
Jalta fahren? Claus sagte uns in
Chisinau, dass Jalta sehenswert
sei, der Weg dorthin ziehe sich
jedoch eintönig hin. Und wieder
zurück! Wir entschließen uns, uns
das nicht anzutun, sondern den
Rückweg durch die Ukraine
anzutreten.

Von Sergei lassen wir uns mit
seinem Opel noch einmal zum
Hafen führen. Jens hofft, etwas
von der russischen
Schwarzmeerflotte zu erspähen.
Vergeblich. Dann führt uns Sergei
mit seinem schwarzen Omega aus
der Stadt in Richtung Kiew und
verlangt für diese Dienst
unverschämte zehn Euro.

Die M6 ist die Verbindungsstraße
zwischen Odessa und Kiew. Gleich
nach Odessa ist sie eine große
rumpelige Autobahn. Ein paar
Dutzend Kilometer nördlich geht
sie in eine neue Autobahn über,
wie sie in Deutschland liegen
könnte. Dieser neue Teil wurde

erst in den letzten Jahren mit
Krediten der EU gebaut und 2005
dem Verkehr übergeben. Uns
kommen einige Motorradfahrer
auf dem Weg in den Süden in
kleinen Gruppen entgegen. Meist
sind es BMWs oder Goldwings.
Polizei ist hier an der M6 wie
überall im Lande immer präsent.

Doch wir werden nicht
angehalten. Vielleicht, weil
einfach mittlerweile zu viele

ausländische Motorradfahrer
unterwegs sind oder weil die
Regierungsmaßnahmen gegen
korrupte Polizisten greifen. Die
Polizei kümmert sich hier wie bei
uns um die Temposünder.

Nach einem rustikalen
Mittagessen an einer Raststätte,
das bei uns nicht hätte teuerer
sein können (Ausländer-
aufschlag?) verlassen wir bei
Uman, auf halbem Wege zwischen
Odessa und Kiew, die M6 und
fahren auf der Landstraße nach
Westen.

Wenn uns eine Umleitung nicht
auf Schotter-oder Schlackewege
schickt, sind die Landstraßen gut
und wir kommen zügig voran.

Als wir in die mittelgroße Stadt
Vinnitsa einfahren, warten viele
Taxis am Straßenrand. Ich heuere
einen Fahrer an. Der braust los
und wir drei müssen gewaltig am
Gasgriff drehen, um dem
Taxifahrer zu folgen.

Vor dem Podolie Hotel, ein
modern wirkendes Hotel mit einer
Fassade aus rosa Granit, hält er
an. Er erklärt mir noch, wo die
beiden anderen Hotels sind, und

verlangt drei Euro für seinen
Teufelsritt.

Das Podolie hat nicht genügend
Zimmer frei. Also zum Savoy.
Dort gibt mir die füllige Dame
hinter der Rezeption zu
verstehen, dass sie keine Zimmer
mehr frei habe. Während sie so
tut, als gebe sie etwas im
Computer ein, blickt ihr Kollege
hinaus auf die Straße, wo Hans-
Jürgen und Jens auf den BMWs
warten und sagt zu ihr, dass da
drei Motorräder aus Deutschland
stehen. Daraufhin findet sie doch
noch drei Zimmer, allerdings drei
Luxussuiten für umgerechnet 90
Euro pro Person. „Nicht mit mir!“
denke ich und gehe. Hotel
Nummer drei: Das Vinnitsia Hotel.
Die junge Frau hinter der
Rezeption sagt mir nach einem
Blick in ihren Dateikartenkasten
(Computer gibt es nicht), dass
keine Zimmer mehr frei sind. Ein
dünnes Männchen, dem sein
abgetragener brauner Anzug viel

zu groß ist, erhebt sich aus
seinem Kunstledersessel im
Eingangsbereich, spricht mit mir
Englisch, mit der Frau an der
Rezeption Ukrainisch und meint
schließlich, ich solle ihm folgen, er
zeige mir die Zimmer. Im zweiten
Stock klopft er bei der Stockchefin
an. Die gibt es hier noch, wie
früher in jedem Hotel in der
Sowjetunion. Er bekommt die
Schlüssel und zeigt mir ein völlig
abgewohntes Doppelzimmer.

Das Zimmer ist eigentlich
unzumutbar, aber ich nehme es,
denn wir sind hundemüde. Als ich
dann an der Rezeption nachfrage,

wo wir unsere Motorräder
hinstellen können, wird mir
erklärt, dass die Stockputze
dagegen sei, dass wir Zimmer

bekommen und gegen sie sei
nichts zu machen. Ich bin
fassungslos. Die Putzfrau hat
verboten, dass wir Zimmer
erhalten! Die Diktatur des
Proletariats blüht hier noch!

 

Blick aus dem Hotel in Latyczow


Hotel Nummer vier haben wir am
Ortseingang am Fluss gesehen. Es
ist aber kein Hotel mehr: „Hotel“
steht nur noch an der Fassade.
Drinnen sind jetzt Wohnungen.

Also fahren wir doch weiter. Noch
schnell an der Tankstelle halten.
Beim Auftanken der Maschinen
beobachten wir, wie ein Fahrer
seinen Lada liebevoll mit den
Schwamm nass macht und Bahn
für Bahn mit dem Gummiabzieher
vom Dach bis zur Stoßstange
trocknet, während seine Familie
geduldig im Wagen wartet.

Hans-Jürgen sieht schlecht aus.
Die tief liegenden Augen schauen
aus seinem fahlen Gesicht. Er ist
müde und will nicht mehr weiter
fahren. Ich verspreche ihm, an
der nächsten möglichen
Unterkunft zu halten. Zwei Dörfer
weiter, in Latyczow, entdecke ich
den kyrillischen Schriftzug für
Hotel. Also schauen wir uns das
einmal an. In einem kleinen, mit
reichlich Plunder gefülltem Kabuff

sitzt die Wirtin. Sie zeigt uns
gerne die drei Zimmer. Alle mit
mehreren Betten, so dass sie
nicht versteht, dass wir uns das
Dreibettzimmer nicht teilen. Ich
nehme mir fest vor, für die
nächste Tour in den Osten den
Satz „Ich schnarche laut.“ auf
Russisch zu lernen.

Hans-Jürgen hat sogar eine Suite
mit zwei Räumen und „twa
Televisor“, wie unsere Wirtin
mehrfach anpreist. Die zwei
Televisoren sind alte 70er Jahre
Fernseher russischer Bauart in der
Größe einer mittleren
Tiefkühltruhe. Wir probieren nicht
aus, ob die Kästen funktionieren.
Unerklärlicherweise haben wir

heute Abend keine Lust auf
ukrainisches TV. Bestenfalls
erwartet uns da wohl die
Schwarzwaldklinik mit

ukrainischen Untertiteln. Hans-
Jürgens Suite hat auch ein
Badezimmer, das momentan im
Rohbauzustand ist. Jens hat
solchen Luxus nicht.

Unser Hotel in Latyczow


Er hat nur einen Televisor, aber kein Bad.
Mein Zimmer hat zwar keinen
Fernseher, dafür aber eine neue
Dusche. Dafür darf ich auch satte
acht statt sechs Euro zahlen.
Noch bevor wir unsere
Unterkünfte beziehen und uns
unter der Dusche erfrischen,
spülen wir uns den Straßenstaub
mit einem frischen Obolong-Bier
auf der Terrasse von der Kehle.
„Gutt?“ prosten uns die Nachbarn
am Nebentisch zu. „Gut!
Charaschow“ entgegne ich.

Nach dem überraschend
schmackhaften Abendessen mit
Schnitzel und Pommes frites in
der Gaststätte unseres kleinen
Hotels gehe ich in dem kleinen
Dörfchen noch einmal spazieren.

Abseits von der Hauptstraße
entdecke ich schmucke
Bauernhäuschen mit
Gemüsebeeten und
Gartenzäunen. Ein dicker Turm
aus längst vergangen,

kriegerischen Tagen steht grau
und martialisch neben einem in
frischem Weiß gestrichenen
Klostergebäude. Vom Zaun aus
sehe ich eine Nonne im
Klostergarten spazieren gehen.
Zwei junge Männer sprechen mich
an. Sie lassen mich in den Garten
und in die Kirche hinein und holen
die Oberin, denn sie ist die einzige
hier, die Fremdsprachen spricht.
Schwester Magdalena ist eine
Polin. Sie lädt mich zu Tee und
köstlichem hausgemachtem
Zwetschgenmus mit frisch
gebackenen Keksen ein. Sie
erklärt mir, dass das Kloster vor
400 Jahren von Dominikanern
gegründet wurde. In der Kirche
wird ein Marienbild verehrt, das in
den 20er Jahren vor den Sowjets

nach Polen in Sicherheit gebracht
wurde. Auch heute ist das Original
noch in Polen und hier ist eine
Kopie des Gnadenbildes. Die
Kommunisten hatten das Kloster
als Stallungen und Traktorenhalle
missbraucht. 1995 wurde das zur
Ruine verkommene Kloster mit
Geld aus Sammlungen von
Renovabis in Deutschland
renoviert. Seit dieser Zeit ist sie
mit vier jungen ukrainischen
Mitschwestern hier. Sie erzählt,
wie froh sie sei, dass Kardinal
Ratzinger, der engste Freund und

Vertraute Ihres geliebten
polnischen Papstes, dessen
Nachfolger geworden ist. Ihre
Arbeit hier in der Ukraine sei

schwer, denn die Leute seien
nicht wie in Deutschland und
Polen, fleißig und ehrlich. Ich
verrate der Schwester nicht, dass
viele Leute in Deutschland das mit
dem polnischen Fleiß und der
Ehrlichkeit ganz anders sehen.

Frühstück?
Frühstück gibt es nicht. Auch
nicht für Geld und gute Worte.

Das Gasthaus hat zu.

Aber bezahlen können wir
natürlich. Der Wirtin ist über
Nacht noch eingefallen,
nachträglich eine Parkgebühr zu
verlangen. Das ist zwar nicht viel
Geld, aber irgendwie stinkt es
mir. Kein guter Stil. Guter Stil?
Was heißt das schon mitten auf
dem Lande in der Ukraine!

 

 


Wellnessbereich im Hotel in Latyczow

Als ich das Motorrad belade, kann
ich in die Räume im rechten
Flügel des Erdgeschosses unseres
Landhotels sehen. Dort sind die
Behandlungsräume einer
Zahnarztpraxis untergebracht, die
durchaus zeitgemäß eingerichtet
ist. Ein altes Mütterchen mit
Kopftuch reißt gerade ihren Mund
zur Behandlung auf. Ich ducke
mich weg, denn ich will nicht
stören.

Wir gehen über die Hauptstraße
hinüber zum kleinen
Lebensmittelladen mit der gelben Aufschrift "Produktj".

Vielleicht findet sich da etwas für das Frühstück...

Jens sieht einen Einheimischen auf einem alten
japanischen Motorrad
vorbeifahren. Schwarzer Helm mit
roten Knopf. So einen Helm hatte
er auch einmal.

Im Laden finden
wir auch nicht das Richtige, denn
Wodka und fette Wurst ist nicht
meine Vorstellung von einem
gesunden Frühstück. Also geht es
weiter in Richtung Westen, in
Richtung Ushgorod!

Kaum sind wir aus Latyczow
herausgefahren und haben die
Brücke über den kleinen See am
Rande des Orts überquert, halten
wir links an einer Werkstatt.


Hans-Jürgens BMW wird repariert in Latyczow

Eine Schraube der Verkleidung
von Hans-Jürgens Maschine hat
sich gelöst. Der Hof der Werkstatt
sieht aus wie ein Autofriedhof.
Zwischen den Autowracks stehen
zwei alte Ural in erbärmlichem
Zustand. Die Urals sind entfernte
Verwandte von unseren BMW-
Boxern. Stalin ließ in den 30er
Jahren BMWs vom Typ R71 aus
Deutschland über Schweden nach
Russland bringen und als M72
nachbauen. Sie werden bis heute
noch, wenn auch leicht verändert,
gebaut.

Der Chef der Werkstadt und seine beiden jugendlichen
Helfer sind gern bereit, uns zu
unterstützen und lassen ihre
Arbeit liegen. Schnell sind eine
passende Schraube und eine
Mutter gefunden und die
Halbschalenverkleidung wird
fixiert. Während der Arbeit fällt
dem Werkstattchef auf, dass eine
der beiden Lenkkopfschrauben
locker ist. Hans-Jürgens
Maschine hat vor der Tour ein
neues Lenkkopflager erhalten. Da
wurde eine Schraube wohl nicht
richtig angezogen. Das hätte
schlimm ausgehen können! Die
beiden Jungmechaniker
fotografieren sich gegenseitig mit
ihren Handy-Kameras auf unseren
BMWs, während wir die
Uraltboxer aus Russland
abknipsen. Dem Werkstattchef
fällt auf, dass unsere modernen
Motorräder mit „Injektor“, also
Einspritzanlage ausgestattet sind.
Das macht Eindruck!

Die Straße geht schnurgerade
weiter durch ein Waldstück. Wir
müssen anhalten, denn ein Stau
hat sich gebildet. Im Schritttempo
nähern wir uns den Fahrzeugen
und fahren an ihnen vorbei, bis
wir an einen Sattelschlepper
kommen, der mit dem Führerhaus
rechts im Wald steht. Auf der
linken Spur steht ein Kipper quer
zur Fahrbahn. Zwischen Kipper
und Sattelschlepper hindurch
fahre ich wieder auf die rechte
Fahrbahn, vorbei an vielen keinen
Plastikteilen, die von einem
Fahrzeug abgesplittert sein
müssen und vorbei an einem
Schwarzen Helm mit rotem Knopf,
der am rechten Straßenrand liegt.
Menschen stehen regungslos auf
der Straße, starren geradeaus ins

Nichts oder knien nieder und
haben ihr Gesicht in den Händen
verborgen. Einer will mich
aufhalten, aber seine Geste ist
viel zu kraftlos, um mich auch nur
etwas zögern zu lassen. Auf der
Gegenspur steht auch ein
Sattelschlepper und auch sein
Führerhaus steht abseits der
Straße, diesmal aber links. Unter
dem Ausleger auf der linken
Fahrspur sehe ich den
Motorradfahrer aus Latyczow
bauchlinks mit ausgestreckten
Armen und Beinen liegen. Sein
Gesicht ist aschfahl. Mit weit
aufgerissenen Augen blickt er zu
mir herüber. Dort wo sein
Hinterkopf sein sollte, ist nichts.
Hinter dem Ausleger ist ein
dunkelrot glänzender Fleck von
Blut und Hirn. Wir fahren weiter.
Ich bete ein „Vater unser“ für den
toten Motorradfahrer und für uns,
dass uns bisher nichts geschehen
ist und dass uns weiter nichts
Schlimmes zustoßen möge. Links
und rechts im Straßengraben
fallen mir jetzt viel häufiger die
Sträuße aus Staniolblumen, die
Kreuze und all die anderen
Gedenkstätten für die Unfallopfer
auf. Mir fällt auf, dass die LKW
mit 110 km/h über die buckligen
Landstraßen donnern und die
Ausleger gefährlich hin-und her
springen. Mir fällt auf, wie häufig
das Ladegut wie Steine oder
Eisenstangen ungesichert hinten
auf der Ladefläche der
Baufahrzeuge liegt und durch das
Geschaukel auf den schlechten
Straßen herunterfällt. Und mir
fällt auf, wie grob und
gedankenlos hier manchmal mit
Leben und Gesundheit anderer
umgegangen wird.


An der Straße in der Ukraine

Nach Striy halten wir rechts an
einer Holzhütte. Der Geruch von
Holzfeuer steigt uns in die Nase
und wir hoffen, etwas Gegrilltes
zum Essen zu bekommen. Im
runden Innern des Holzhauses ist
es recht finster. An einer
Kühltheke suchen wir uns Salat
und Gemüse und Fleisch aus. Das
Fleisch kommt in großen Stücken
auf einen Spieß, wird auf offenem
Feuer draußen gegrillt und
schmeckt richtig gut.

Die Straße von Striy nach
Ushgorod durch die Karpaten ist
gut ausgebaut und es macht
Freude, den lang gezogenen
Kurven durch die
Karpatenlandschaft zu folgen.
Diese Gegend östlich von
Ushgorod gehörte bis zum ersten
Weltkrieg zum Habsburger K&K-
Reich. Nach dem Krieg kam es zu
Russland und damit zur Ukraine.
Noch heute gibt es hier Dörfer, wo
die Menschen ungarisch sprechen,
und viele ältere Menschen
sprechen auch noch Deutsch in
dieser Gegend.

Als wir uns Ushgorod nähern,
geht es schon dem Abend zu.
Dazu verdunkelt sich der Himmel
noch wegen eines
Gewittersturms, der über den

Bergen der Karpaten hängt. Wir
fahren die Gerade auf Ushgorod
mit Schräglage zu, um nicht vom
Gewittersturm vom Motorrad
geweht zu werden. Als wir in den
Grenzort einfahren, beginnt es zu
regnen. Jetzt schnell ein schönes
Hotel finden! Wir folgen grünen
Hotelwegweisern durch die ganze
Stadt, doch an einem
Kreisverkehr verlieren wir die
Fährte. Dann wieder zurück zur
Stadtmitte. Gewitter und Regen
sind nun voll im Gange. In der
Stadtmitte gibt es ein ehemaliges
Intourist-Hotel.

Jens und ich sind nicht sehr
angetan von der Unterkunft. Ich
schlage vor, über die Grenze in
die Slowakei zu fahren, die nicht
sehr weit weg sein kann.
Tatsächlich liegen die
Grenzanlagen gleich hinter den
letzten Häusern Ushgorods. Wir
kehren noch einmal um, um mit
unseren letzten Griewna die
Tanks unserer Motorräder zu
füllen. Hinter der Tankstelle sehen
wir dann zufällig das Hotel
Europa. Es ist neu und sauber und
ein gutes Plätzchen für unsere
BMWs findet sich auch. Strom und
Wasser, die wegen des Gewitters
abgestellt waren, fließen bald
wieder und die Küche verwöhnt
uns mit Borschtsch und
Palatschinken.

Was für ein Glück wir hatten, dass
wir nicht doch über die Grenze
gefahren sind, sehen wir am
nächsten Tag auf der slowakischer
Seite. Da sehen wir weit und breit
kein einziges Hotel.


D as Wetter ist an diesem Straßen sitzen die Frauen und
Morgen kühl und trocken. Kinder und bieten Beeren zum
Die Ausreise aus der Kauf an. Die Mädchen und Frauen

Ukraine und die Einreise in die EU
ist zäh, obwohl wir uns mit
unseren Zweirädern vordrängeln.
Die Straßen in der Slowakei sind
gut. Wenn man in Nordrumänien
und Moldau war, sind fast alle
Straßen gut.

Im verschlafenen Osten der
Slowakei stehen an vielen Orten
noch Kriegsdenkmale.
Panzerabwehrkanonen und P34
Panzer der Roten Armee erinnern
in so manchem Dörfchen und an
strategisch besonderen Stellen
an die „Befreiung“ 1944.


P34 der Roten Armee

In der Gegend um Kosice
(Koschau) leben viele Roma. Wir
sehen Sie auf den Landstraßen,
wie sie schmutzig und verlumpt
Handwagen mit Metallschrott
ziehen. Ihre Siedlungen, in die sie
zu kommunistischen Zeiten
zwangsangesiedelt wurden, sehen
aus wie die Wellblechbaracken der
Elendsviertel am Rande
südamerikanischer Großstädte. In
Rumänien haben wir auch viele
Roma gesehen. 1,5 Millionen
sollen es sogar im ganzen Land
sein. Viele von ihnen fahren noch
mit Pferdewagen herum. An den

tragen lange bunte Röcke und
entsprechen so dem romantischen
Bild von Zigeunerinnen aus einer
Kalman-Operette. In der Slowakei
ist von Zigeunerromantik nicht die
allerkleinste Spur.


Die Ruine der Zipser Burg in der Slowakei

Slowakei ist das Land mit den
meisten Burgen und Burgruinen.
Das weiß zumindest mein
Reiseführer und je weiter wir
durch das Land fahren, desto
mehr glaube ich ihm in diesem
Punkt. Prächtige Burganlagen
sitzen oft auf den Felsvorsprüngen
über der Straße. An einer der
größten Burgruinen Europas
kommen wir vorbei. Die Zipser
Burg (Spissky hrad) steht auf
einem felsigen Travertinkegel
über dem Tal. Sie zählt zum
UNESCO-Weltkulturerbe. Als wir
am Fuße der Burganlage stehen,
bricht ein heftiger Gewitterregen
los, vor dem wir uns unter das
Verandadach einer kleinen
Gasthütte verkriechen. Nur gut,
dass uns dieser Regen nicht auf
offener Straße auf den
Motorrädern erwischt hat! Aber
der Regen erwischt uns an diesem
Tage auf der Autobahn südlich der
Hohen Tatra noch mehrmals. Die
regenfetten Wolken kommen nicht

über die Berge. Sie lassen
Regenschleppen an sich
herunterhängen, in die wir immer
wieder wie durch einen
Spanischen Vorhang hinein-und
herausfahren. Den geplanten
Umweg durch die Bergwelt der
Hohen Tatra streichen wir. Die
Zeit, die wir durch den Regen
verloren haben, holen wir auf der
neuen Autobahn, die in großen
Teilen schon fertiggestellt ist, auf.

 

Auch unser Tagesziel ist eine
Burg: Trecin im Westen der
Slowakei. Im gleichnamigen Ort
am Fuße des Burgbergs ist der
Tourismus eine feste Größe.
Deshalb ist hier schnell eine
saubere Pension gefunden. Der
junge Chef spricht tadellos
Deutsch und ist so freundlich, uns
in die Innenstadt zu fahren. In der
Altstadt wurde eine überdachte
Bühne aufgebaut, auf der junge
Frauen in volkstrachtigen
Kostümchen und Stiefelchen zur
Blas-und Zupfmusik tanzen.

Durch ein Tor geht es aus der
Altstadt hinaus in die Neustadt.


Hier wird ein zweifaches
Kontrastprogramm geboten.
Musikalisch durch aktuelle
Popmusik von einer Band live

nicht schlecht gespielt und
architektonisch durch schäbige
Betonbauten, die vor 30 Jahren
einmal modern waren. Uns zieht
es wieder zurück zur Altstadt, wo
das ganze Programm der
kulinarischen Grundausstattung
der westlichen Welt auf uns
wartet: Hamburger, Schaschlik,
Schnitzel, Döner und Pizza. Wir
wählen heute die italienische
Fastfood-Variante.

 

Auf dem Weg zurück zur Pension
entdeckt Hans-Jürgen einen
Nachtclub, in den er gerne
möchte. Doch Jens’ und mein
Bedarf an Abenteuern ist für
diesen Tag schon gedeckt. No
„beer and girls“ tonight! Wir
gehen brav in unsere Pension und
in unsere Bettchen.

Jens hatte schon die letzten
Tage Hummeln im Hintern.

Er möchte zu Hause ein Wohnhaus aus einer Insolvenz
erwerben und fragt sich, ob alles
so läuft, wie er sich das wünscht.
So entscheidet er sich am

Morgen, in einem Gewaltritt nach
Hause zu fahren. Von Trecin über
die Autobahn nach Bratislava,
weiter nach Wien und dann über
Linz und Passau nach Nürnberg ist
das kein Problem.

Hans-Jürgen
und ich lassen uns etwas mehr
Zeit. Wir fahren direkt nach
Westen über die Grenze nach
Tschechien. Dort staunen wir
nicht schlecht, denn wir beide
kennen die miserablen Straßen
Westböhmens sehr gut, doch die

Straßen hier im Osten
Tschechiens sind ganz
ausgezeichnet.

Gute hundert Kilometer weiter
westlich geht es bei Brünn auf die
ebenfalls hervorragende
Autobahn. Hier hat die EU ihr
Füllhorn über die Verkehrswege
ausgeschüttet. Wir kommen flott
voran und befürchten, wenn wir
so weiterfahren, früher als Jens in
Nordbayern anzukommen. Doch
unser Ziel liegt heute gar nicht
mehr so weit entfernt:
Tschechisch Krummlau. Das
Bilderbuchstättchen am Oberlauf
der Moldau liegt malerisch in und
um einer Flussschleife. Das hat
sich weit herumgesprochen und
alle sind da: Motorradtouristen
aus Deutschland (außer uns noch
viele andere), Schulklassen aus
Tschechien, Bustouristen aus
Japan und Ausflügler aus dem
nahen Österreich. Die Stadt ist
voll und die Hotels leider auch.
Zwei Stunden kombinieren wir die
vergebliche Suche nach einer
Bleibe für die Nacht mit einer
Stadtbesichtigung. Dann
entscheiden wir uns, über die
Grenze nach Österreich nach Linz
zu fahren.

Nach der Kontrolle am kleinen
Grenzübergang verschlägt es mir
den Atem. Wir fahren aus dem
Grenzwald hinaus und vor uns
liegen satte grüne Wiesen, weiße
Fachwerkhäuser strahlen und rote
Ziegeldächer leuchten mit Farben,
die so kräftig sind, als hätte sie
der liebe Gott persönlich gerade
für uns mit frischer Farbe
nachgepinselt. Aber nicht nur die
Landschaft und die Farben sind
himmlisch, auch die
hervorragenden Straßen hinunter
in das Donautal zu fahren, ist ein
göttlicher Genuss.

Der Turm des ausgezeichneten
Hotels Nice am Donauufer ist
schnell gefunden, denn vor
einigen Jahren war ich schon
einmal dort. Ein Bummel durch
die Altstadt, österreichische

Schmankerl in einem kleinen
Restaurant, dazu ein Glas
„Steinfeder“ aus der nahen

Wachau: Österreich, wie bist du
wunderbar! Endlich einmal etwas
Landestypisches, das wirklich gut
schmeckt!

Am nächsten Morgen
bepacke ich die BMW, um
nach Hause zu fahren.

Als ich an der Rezeption bezahle,
sehe ich ihn in einer Vitrine
sitzen:

den Linz-Bären, ein kleiner
Plüschbär, der eine Wolke voller
Bruckner-Noten wie einen
Luftballon in seiner Tatze hält. So
komme ich doch noch zu meinem
bärigen Tour-Souvenir.


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